“And Then There Were None”

Gern gelesen – was ist das?

Im Rahmen dieser Reihe werden in unregelmäßigen Abständen Bücher vorgestellt, die dem Rezensenten eindrucksvoll in Erinnerung geblieben sind. Nach einer kurzen Einführung, einem Einblick in die Geschichte und Handlung des Buches, kritisiert der Rezensent das vorgestellte Werk und gibt möglicherweise eine Kaufempfehlung.

Einführung

Ein mysteriöses Buch, das den Leser mit auf eine Reise zu einer regnerischen Insel nimmt, von der zehn geheimnisvolle Personen niemals wieder runterkommen werden. Stattdessen stirbt einer nach dem anderen auf seine eigene, ungeklärte und bizzare Art und Weise. Ist einer der zehn Gäste der Mörder, der ein altes, bekanntes Kinderlied zum Handbuch für seine grotesken Tötungen gemacht hat? Oder lauert doch etwa eine andere, größere Gefahr, die gnadenlos auf der einsamen Insel wütet?

Aus dem Buch, Seite 129:

“The end. But I think you know that, don’t you? It’s true, isn’t it? We’re all waiting for the end.”
She said unsteadily: “What do you mean?”
General Macarthur said gravely: “None of us are going to leave the island. That’s the plan. You know it, of course, perfectly. What, perhaps, you can’t understand is the relief!”
Vera said wonderingly: “The relief?”
He said: “Yes. Of course, you’re very young… you haven’t got to that yet. But it does come! The blessed relief when you know that you’ve done with it all – that you haven’t got to carry the burden any longer. You’ll feel that too, someday…”
Vera said hoarsely: “I don’t understand you.”
Her fingers worked spasmodically. She felt suddenly afraid of this quiet old soldier.

Geschichte des Buches

Das Buch “And Then There Were None” von Agatha Christie erschien erstmals am 6. November 1939 mit dem Titel “Ten Little Niggers” im Collins Crime Club und wurde am 29. März 2011 vom Harper-Verlag wiederaufgelegt. Der Titel des Buches wurde aus Gründen der Political Correctness mehrfach geändert und erhielt zunächst den Titel “Ten Little Niggers”, dann “Ten Little Indians” und schließlich den finalen Titel “And Then There Were None”. Das Buch ist das prominenteste der Mystery-Krimi Gattung und wurde weltweit mehr als 100.000.000 mal verkauft und ist damit eines der meistverkauften Bücher der Welt.

Was geschieht im Buch?

Ein ominöser U. N. Owen lädt zehn Personen auf die kleine Insel Soldier Island ein, die man vom Festland aus nur mit einem Boot erreichen kann. Die Gäste kennen sich untereinander nicht und könnten unterschiedlicher nicht sein. Da gibt es den attraktiven Anthony Marston, bei dem sich alles nur um ihn selbst dreht, den geselligen Arzt Dr. Armstrong, die junge, hübsche, aber von ihrem Gewissen geplagte Vera Elizabeth Claythorne, die unscheinbaren zwei Butler Mr. und Mrs. Rogers, den misstrauischen Polizeiagent William Henry Blore, den gestandenen General Macarthur, den berüchtigten “Hängenden-Richter” Justice Wargrave, den unbeeindruckten sozialdarwinistischen Söldner Philip Lombard und die strenge und aufdringlich religiöse Emily Brent.

Ein kleines Boot bringt einige Tage vorher die Butler, später dann die Gäste auf die Insel und das hölzerne Schifflein kehrt zurück, um die noch nicht anwesenden Gastgeber am nächsten Tag auf die Insel zu bringen. Mit den zehn Protagonisten und dem bekannten amerikanischen Kinderreim “Ten Little Indians” gibt uns das Buch einen roten Faden:

Ten little Soldier Boys went out to dine;
One choked his little self and then there were nine.

Nine little Soldier Boys sat up very late;
One overslept himself and then there were eight.

Eight little Soldier Boys travelling in Devon;
One said he’d stay there and then there were seven.

Seven little Soldier Boys chopping up sticks;
One chopped himself in halves and then there were six.

Six little Soldier Boys playing with a hive;
A bumblebee stung one and then there were five.

Five little Soldier Boys going in for law;
One got in Chancery and then there were four.

Four little Soldier Boys going out to sea;
A red herring swallowed one and then there were three.

Three little Soldier Boys walking in the zoo;
A big bear hugged one and then there were two.

Two little Soldier Boys sitting in the sun;
One got frizzled up and then there was one.

One little Soldier Boy left all alone;
He went out and hanged himself and then there were none.

Das Gedicht ist im Buch omnipräsent, es hängt in den Zimmern aller zehn Protagonisten sowie in den Gemeinschaftsräumen aus. Außerdem stehen auf dem Esstisch im Gemeinschaftsszimmer zehn gläserne Soldatenfiguren, die die zehn Soldaten aus dem Gedicht repräsentieren.

Nachdem sich die Gäste eingefunden haben, werden sie zum gemeinsamen Abendessen gebeten. Ausgelassen plaudern sie beim Festmahl über Gott und die Welt, als plötzlich eine dubiose Stimme ertönt, die den zehn anwesenden Gästen jeweils mit kurzer Beschreibung und dem Datum Morde vorwirft. Nachdem die laute, eindringliche Stimme unbekannter Herkunft die Anklageschrift verliest, fragt sie, was die mutmaßlichen Mörder zu ihrer Verteidigung zu sagen hätten.

Die schockierten Gäste suchen die Quelle der Stimme, machen sie ausfindig als einen Schallplattenspieler, der im expliziten Auftrag von U. N. Owen von dem Butler Mr. Rogers zu einem bestimmten Zeitpunkt gespielt wurde. Der Butler kannte den Inhalt des Plattenspielers nicht, vergewissert er den anderen.

Zu den Mord-Vorwürfen äußern sich die Gäste fast einhellig: Das sei doch alles ein schlechter Scherz, eine Frechheit, haltlose Behauptungen. Anthony Marston jedoch, erklärt zu den Vorwürfen der “Stimme” über ihn, dass er nur “aus Versehen” zu schnell fuhr und zwei Kinder tödlich überfuhr, dies also kein Mord sei. Weiterhin gibt der Söldner Lombard ohne schlechtes Gewissen zu, dass er für sein eigenes Überleben mehreren Ost-Afrikanischen Stammesmitgliedern die Nahrung gestohlen habe, was zu ihrem Tod führte.

Die mutmaßlichen Mörder werden dann Opfer mehrfachen mutmaßlichen Mordes. Welche Funktion das Gedicht dabei hat, zeigt sich nach und nach. Ist das Gedicht eine Prophezeiung oder eine perverse Fantasie eines scheinbar durchgeknallten Serienmörders? Die Gäste jedenfalls finden sich nach kurzer Zeit in einem aussichtslosen Kampf ums Überleben wieder.

Kritik

Das Buch hat mit dem Gedicht einen roten Faden, der bei der Dichte an Charakteren, Struktur in das Geschehen bringt. Kurz nachdem der erste Gast stirbt, beginnt der Leser zu grübeln: Unfall oder Mord? Nach und nach involviert er sich mehr in die Geschichte, stellt Mutmaßungen zu der Ursache der Tode an, hat einen der Gäste als potenziellen Mörder im Visier, bis dieser als nächstes dann auch ins Gras beißt. Was passiert hier? Was immer mehr nach einem Hexenwerk aussieht, lässt den Leser jedes Mal aufs neue in die Irre tappen. Und genau das macht die Besonderheit des Buches aus: Die unzähligen Überraschungen, die Unvorhersehbarkeit des Geschehens im Buch.

Dazu bedient sich die Autorin einer einfache Sprache, deren Englisch jemand mit guten Schulkenntnissen verstehen sollte. Das Buch und den dazugehörigen Film von BBC in der Originalsprache zu genießen bedeutet, dass der Rezipient unmittelbar mit auf die britische Insel genommen wird. Christie verwendet auch sonst eine durchweg einfache Sprache, doch gerade am Anfang schafft sie es nicht, den Lesern auf klare und einfache Weise die Charaktere vorzustellen. Manchmal verliert sie sich zudem in Oberflächlichkeiten, nichtsdestotrotz, ist ihre Sprache und ihr Stil sehr lebendig. Jemand, der nur das Buch liest, wird sich in Gedanken die Insel mit dem Haus und den Gästen erbauen, sie zu Leben erwecken, da die Verfasserin die Umgebung, die Gefühlswelt der Leute und die Atmosphäre sehr bildhaft zu erklären weiß.

Die Handlung ist überwiegend schlüssig, die letztliche Erklärung überzeugt, wenn auch kleinere Logikfehler und vor allem der “perfekte Zufall” die Glaubwürdigkeit der Geschichte auf eine harte Probe stellen. Es ist geradezu sensationell, wie abgestimmt die Handlung zu sein scheint, wenn man der Auflösung am Ende des Buches Glauben schenkt. Dennoch, es könnte so passiert sein.

Gesamteindruck

“And then there were none” ist ein grandioses und kurzes Buch, das schnell gelesen werden möchte, aber den Leser für eine längere Zeit beschäftigt. Es lässt ihn andauernd mitfiebern, um ihn sodann eines, immer und immer wieder, zu lehren: Nichts ist so, wie es scheint.
Das Buch ist ein Mystery-Krimi, das man vor dem Schlafengehen liest. Ganz im Stile von Christie fesselt es den Leser, lässt ihn nicht mehr los, bis das scheinbar unerklärliche Ereignis endlich erklärt werden kann.
Die Geschichte richtet sich an all jene, die sich auf ein gruseliges Rätselabenteuer begeben möchten, bei dem auch durchaus martialisch gemordet wird.

Kaufempfehlung

Eine klare Kaufempfehlung für Krimibegeisterte über 16 Jahre – auch gut geeignet als Einstiegsbuch.

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