Das Lied des Sommers

Der frische Duft von eiskaltem Wasser, das von einem historischen Brunnen auf den von der Sonne erhitzten, dunklen Asphalt plätschert, wird mir mit einem sanften Wind zugetragen.

Es riecht wie im Freibad.

Das anfängliche Streicheln der Sonnenstrahlen auf der Haut fühlt sich nach einiger Zeit wie ein feuriger Griff an, das dich wärmend, gar brodelnd umklammert.

Spätestens, wenn man dann die vielen Metamorphosen eines „Für-mich-ist-überall-Freibad“-Menschen sieht, der sich lässig oben-ohne zeigt, oder dessen Hose aufgrund fehlender Stofflagen beschädigt anmutet, weiß man, dass es wieder einmal so weit ist: Der alljährliche Sommer hat begonnen, mit all seinen vielfältigen Facetten.

Eine der gütigen Facetten ist das ziellos-instinktive Spielen der unzähligen Kinder, die voller Freude und bar der Sorgen auf dem saftigen Grün des Rasens wild umhertollen. Der Sommer ist das, was man aus ihm macht, was man in ihm sieht.

Die Menschen sitzen hier ganz nah beieinander, aber doch so fern zueinander. Jeder ruht sich in seinem eigenen, künstlich aufrechterhaltenen Mikrokosmos in Form von 1-2m² um den Brunnen herum aus, den er inmitten tausender Fremder als ein Ort der Privatspähe für sich beansprucht.

Oft sieht man glückliche Pärchen, Jung und Alt, deren Liebe, Lust und Leidenschaft durch die heißen Sonnenstrahlen um ein vielfaches intensiviert werden, die Hand in Hand, leicht tänzelnd, flanieren gehen. Ein älteres Ehepaar zum Beispiel, läuft mit zielbewusstem Blick auf ein Café zu, durchdrungen von neuer, warmer Energie, welche ebenfalls aus dem Sonnenelixier des Lebens herrührt.

Oder Fremde, die scheinbar wie ausgewechselt nun mehr mit einem – zugegeben dezenten – Lächeln an einem vorbeigehen, einem freundlich zuzwinkern.

Einfach jeder nimmt das Geschenk Gottes dankbar an, nachdem es die Tage zuvor nur Regen und Wind gab, ist jeder froh um die wohlige Wärme wundersamer Sonne.

Sogar der Vater, der mit seinen mürrischen vierzig Jahren, seine vierjährige Tochter hierher begleitet. Er, der normalerweise immerzu beschäftigt ist, von einer Verpflichtung zur anderen eilt, stolziert nun spielerisch mit seiner kleinen Prinzessin, Hand in Hand, auf den Brunnen inmitten des Platzes zu.

Sie fragt ihn: „Papa, darf ich zur Fontäne gehen?“

Erwartungsvoll blickt sie ihm mit ihren großen Äuglein an, wartet auf sein Zeichen.

Er überlegt kurz, und nickt dann mit einem zärtlichen, liebevollen Blick: „Aber nur, wenn du vor mir dort bist!“ – und beide laufen laut lachend auf den Brunnen zu, dessen kühles Wasser auf den heißen Asphalt plätschert.

Und der Wind singt mit zufriedener Hingabe das Lied des Sommers.