Demokratie geht über die Debatte, nicht über die Waffe

15-16.07.2016 – Die Nacht der Demokratie (Mit Aktualisierungen vom 15.07.2018)

Diese Nacht geht in die Geschichte ein als die Nacht der Demokratie. Das türkische Volk hat ihre Demokratie entschieden verteidigt, einen Militärputsch (bisher) erfolgreich abgewehrt. Wie ich diese Nacht erlebt habe, kannst du im Folgenden lesen:

  1. Erlebnisbericht

Kurz vor Mitternacht sitzen wir mit der Familie im Wohnzimmer des Hauses meiner Eltern im Istanbuler Stadtteil Fatih, als uns ein plötzlicher, völlig surrealer Anruf meines Vaters in einen Schock versetzt. Am Telefon teilt er uns mit, dass Soldaten der türkischen Armee die zwei strategisch wichtigen Brücken Istanbuls, die die asiatischen und europäischen Teile miteinander verbinden, mit Panzern besetzt halten. Andere Soldaten stürmten den Atatürk-Flughafen und in Ankara sowie Istanbul flogen abtrünnige Jets sehr tief, um mit dem höllischen Lärm der Bevölkerung Furcht einzuflößen, damit diese zu Hause bleiben und sich nicht gegen den Putsch auf die Straße begeben. Er sagte, dass Teile des Militärs gegen den türkischen Staat putschen. Mehr wusste er auch nicht, also schalte ich den Staatssender TRT an, um mehr über die Ereignisse zu erfahren. Dieser ist jedoch außer Betrieb und auch deren Website wurde länger nicht aktualisiert. Verwundert öffne ich also die Seite der regierungskritischen „Cumhuriyet“ – was wir für unmöglich gehalten haben, wird bestätigt.

Auf der Suche nach noch mehr Informationen in diesem dubiosen Putsch-Versuch wird nach kurzer Zeit eine beängstigende Erklärung durch eine zitternde Nachrichtenmoderatorin der TRT verlesen. Die Putschisten, die den Sender gewaltsam unter ihre Kontrolle nahmen, zwingen die verängstigte Sprecherin dazu, den Ausnahmezustand und eine Ausgangssperre in ihrem Namen auszurufen. Jetzt begreife ich: die Lage ist ernst.

Sofort denke ich an den katastrophalen Ausgang des Coup d’États in Ägypten, und ich weiß: das lassen wir hier in der Türkei nicht zu! Nach dem Putsch des verräterischen und verbrecherischen Generals As-Sisi wurden tausende Menschen ermordet, noch weitaus mehr wurden inhaftiert und gefoltert, Parteien und Medien gleichgeschaltet. DAS WOLLEN WIR NICHT. Und wir sind uns der Stärken und der Schwächen der Demokratie in der Türkei sehr wohl bewusst. Die Demokratie muss reifen, und heute Nacht kann sie das meiner Meinung nach sehr wohl tun.

Nach einer kurzen Beratung mit meiner Familie beschließen mein Vater und ich, stellvertretend für die ganze Familie, uns auf die Straße gen Militär zu begeben. Wir laufen also auf die Hauptstraße und erfahren dort von Zivilisten, dass die Putschisten sich vor der Stadtverwaltung aufgestellt haben und die Straße blockieren. Also begeben wir uns dorthin. Mit uns zusammen strömen hunderte, gar tausende Menschen zur Stadtverwaltung auf die abtrünnigen Soldaten zu.

Dort, vor dem Gebäude auf der Straße, stehen die Putschisten und richten ihre Waffe und Panzer gen Volk.

Davon unbeeindruckt laufen wir auf sie zu, jung und alt (keine Kinder!), Frauen und Männer. Voller Mut bar jeder Angst. Doch plötzlich schießen die Putschisten in die Luft, wir bleiben augenblicklich stehen. Ein Polizeikommissar auf unserer Seite ruft uns zur Besonnenheit auf. Er sagt: „Wartet auf uns Polizisten. Unsere Einheiten werden das regeln. Wir wollen nicht, dass Blut fließt. Schließlich sind das unsere Soldaten.“ Die Menge gehorcht ihm, doch es kommen immer mehr Bürger nach. Weitere Tausende schließen sich uns an. Berichte über blutige Gemetzel an anderen Gebieten erreichen uns. Aber wir bleiben stehen.

Doch auf einmal eröffnen die Soldaten das Feuer und erschießen mit mehreren Schüssen einen jungen Mann, der unbewaffnet auf sie zuläuft. Die Menge bekommt es mit der Angst zu tun, also werfen sie sich zu Boden, stehen dann nach kurzer Zeit wieder auf und laufen dieses Mal entschiedener auf die Putschisten zu, geradezu auf die auf uns gerichteten Mündungen der Panzer und Sturmgewehre.

Dann passiert etwas Ungeheuerliches – die Putschisten eröffnen das Feuer auf die Menge, eine Kugel landet in der Wade einer jungen Frau neben mir, vor mir jault ein junger Mann auf, der in die Schulter getroffen wurde, mehrere Menschen gehen zu Boden – aus Schutz? Oder weil sie verletzt wurden? Oder sind sie gar gestorben? Es herrscht Chaos, überall Verletzte und Tote. Jetzt bekomme ich es auch mit der Angst zu tun, also laufe ich etwas zurück und suche Deckung hinter einem Baum. Bis dato sind schon anderthalb Stunden vergangen. Was jetzt? Was können wir tun? Oder können wir überhaupt etwas tun? Ergibt unser Handeln überhaupt Sinn? Können wir den Putsch verhindern?

Während ich etwas verzweifelt nachdenke – wie willst du dich als Zivilist gegen Panzer und ausgebildete Soldaten mit Sturmgewehren wehren? – höre ich plötzlich das Heulen von Motoren.

Müllautos (wie bitte?), Feuerwehrautos, Bagger, Laster, Busse und gepanzerte Wasserwerfer der Polizei kommen angefahren. Was haben die jetzt vor?, denke ich, nur um danach die Genialität, Kreativität und die Opferbereitschaft der Türken zu bewundern.

Ohne einen koordinierten Plan ergreifen Bürger mit verschiedenen Berufen die Initiative und errichten mit ihren Fahrzeugen ein Schutzschild vor dem Volk gegen die Soldaten. Obwohl auf sie geschossen wird, bespritzen die Feuerwehrwägen und Wasserwerfer die Soldaten mit Wasser und Schaum, um ihnen zum einen die Sicht zu rauben und zum anderen um sich irgendwie – wenn auch nur symbolisch – gegen die Putschisten wehren zu können, die zahlreiche Zivilisten auf ihrem Gewissen haben. Nach und nach strömen immer mehr Polizisten – oft spärlich mit schlichten Pistolen bewaffnet – zu uns und rufen die Putschisten per Fernsprecher dazu auf, die Waffen niederzulegen und sofort damit aufzuhören, auf das Volk zu schießen. Als die verräterischen Soldaten dadurch nur noch brutaler vorgehen, erwidern die Polizisten das Feuer mit ihren Pistolen. Mit Pistolen gegen Panzer und Sturmgewehre!

Nach weiteren anderthalb Stunden, die sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlen, haben die Polizisten unter heldenhaftem Einsatz ihres Lebens die Putschisten besiegt. Es waren übrigens syrische Flüchtlinge, die mutig an die vorderste Front zu den Polizisten liefen, um ihnen Wasser zu trinken zu reichen und deren Wunden zu versorgen. Neben mir standen die verschiedensten Menschen vereint gegen das Diktat der Putschisten. Die eben erwähnten syrischen Flüchtlinge, irakisch-kurdische Flüchtlinge, Palästinenser, Libanesen, konservative und liberale Türken, religiöse und laizistische Türken, Pro- und Anti-Erdogan-Türken und Kurden boten Seite an Seite dem Versuch des Umsturzes der Demokratie die Stirn.

Nachdem die Putschisten besiegt waren, stiegen manche Bürger mit ihren Flaggen auf die Panzer, doch den meisten war nicht zu Feiern zumute. Es war einfach zu viel Blut geflossen. Plötzlich flogen Armeejets ganz tief, ganz nah an uns vorbei. Diese wurden absichtlich so tief geflogen, damit durch den entstehenden fürchterlichen Lärm (nur wer es einmal erlebt hat, weiß, wie sich das anfühlt) die Bevölkerung eingeschüchtert wird, sodass sie sich zu Hause einsperren und nicht gegen den Putsch auf die Straße gehen (in der Erklärung der Putschisten hieß es vorher, dass sie eine Ausgangssperre verhängt hätten).

In unserer Nähe wurde seitens der Flieger Bomben geworfen. Die Menge suchte verzweifelt Deckung, glücklicherweise traf uns die Bombe nicht. Später erfahre ich: In Ankara beschossen Helikopter Zivilisten und töteten sehr viele Menschen.

Nachdem das Gefecht gewonnen ist, die Putschisten besiegt sind, laufe ich gemeinsam mit meinen arabischen und kurdischen Freunden zur naheliegenden Moschee, um dort das Morgengebet zu verrichten. Diese Moscheen waren es, die uns moralisch mit ,,Sela“- Gesängen aus den Minaretten unterstützten, ohne die wir uns längst aufgelöst hätten. Wir danken euch, ehrenvolle Imame, dass ihr uns unterstützt habt!

Mutige Flüchtlinge

Wieso standen die Flüchtlinge aber an vorderster Front? Was reitet einen Menschen dazu, sein Leben für ein fremdes Land aufs Spiel zu setzen? Schließlich schossen die Putschisten mit scharfer Munition auf uns. Viele um mich sind gestorben, und viele wurden verletzt. Das war kein Spiel. Es ging um Leben und Tod. Und trotzdem waren die syrischen Flüchtlinge ganz vorne mit dabei. Warum? „Die Türken sind unsere Geschwister! Wir lieben dieses Land und die Leute! Wir leben und sterben mit euch!“, sagte einer der jungen Syrer. “Außerdem, was würden wir tun, wenn wir die Türkei nicht hätten, die uns unterstützt? Ohne euch sind wir aufgeschmissen!”

Menschen die Bankautomaten und Märkte leerräumten?

Traurig und enttäuschend, gar als feige empfanden viele jene, die nach dem Beginn des Putschversuchs panisch und egozentrisch die Bankautomaten, die Supermärkte und Tankstellen leerräumten, weil sie davon ausgingen, dass der Putsch sein Ziel erreichen würde. Was ist das für eine Integrität, für ein gesellschaftliches Bewusstsein? Menschlich verständlich, aber feige angesichts der Tatsache, was alles auf dem Spiel stand.

Die wahren Helden: Polizisten

Die wahren Helden der Nacht sind meines Erachtens die aufopferungswilligen und mutigen Polizisten. Nebst unserer Verteidigung beschützten sie auch die mörderischen Putschisten vor einer Lynchjustiz nach ihrer Festnahme. Gerechtigkeit üben, sogar gegenüber verräterischen Mördern. Darauf bin ich wirklich stolz.

Große Gefährte wie Bagger, Busse, Laster und Feuerwehrwägen wurden zum Schutze aufgestellt.
Große Gefährte wie Bagger, Busse, Laster und Feuerwehrwägen wurden zum Schutze aufgestellt.
  1. Reaktionen + Bewertung

Die Bewertung des versuchten militärischen Umsturzes der demokratischen Ordnung in der Türkei fiel in  der internationalen Gemeinschaft sehr verschieden aus.

Putsch ist cool, da Erdogan ein Diktator ist

Ein Lager meinte, dass der Putsch ok sei, da Präsident Erdogan ein Diktator sei: “Es ist doch gut, wenn Erdogan nicht mehr an der Macht ist, oder? Warum also der ganze Trubel? Wieso geht ihr auf die Straße?” – jene, die so argumentieren, denken entweder, dass wir wollen würden, dass das Militär putscht (das will so gut wie niemand, wie die gewählten Vertreter aller Parteien unisono repräsentativ verkündet haben), oder sie denken so: „Der Zweck heiligt die Mittel, obgleich dadurch hunderte Menschen ermordet werden!“

Meines Erachtens ist diese Ansichtsweise – diplomatisch ausgedrückt – moralisch höchst fragwürdig und durch nichts zu rechtfertigen. Ideologisierte Blindgänger, fanatische Erdogan-Hasser und elitistische Steinzeitkemalisten haben ihre Hoffnung in demokratische Wege verloren, um den von ihnen verhassten Präsidenten abzuwählen und sympathisieren deshalb mit den Putschisten. Das sehen sie als einziges Mittel, um ihre politischen Ziele zu erreichen – tote und verletzte Zivilisten? Sei’s drum.

Manche sagen: “Der Putsch war gut, denn schlimmer als Erdogan könnte es ja nicht werden.”
Davon sprechen jene, die keine Kenntnisse über die Geschichte der blutigen Militärputsche in der Türkei haben, völlig leichtfertig und ohne jegliche Scham (oder wissentlich, was noch schlimmer ist). Einfach nachschlagen: 1960, 1971, 1980 und 1997-Putsche.

Kenan Evren, der mörderische Putschisten-Führer der 80er, sagte damals, als er die Macht erfolgreich übernommen hatte: „Damit wir gerecht sind, haben wir einen von den Rechten gehängt, und danach einen von den Linken.“ Ein Gerechtigkeitsempfinden also, das eine ausgewogene Zahl der von ihm gehängten Menschen vorsieht. Nach jedem Putsch wurden Tausende Menschen ermordet, gefoltert und verschleppt. Noch immer sind zahlreiche Menschen vermisst – nach mehr als 30 Jahren! Oppositionelle Parteien wurden verboten, oppositionelle Stimmen waren unauffindbar.

Solch eine Ideologie, solch eine Gedankenwelt hat lange jahrelang sein gewaltsames und äußerst tödliches Diktat über die türkische Bevölkerung walten lassen, und eine schmerzvolle Erfahrung haben die Türken machen müssen: Die schlechteste Demokratie ist gewiss besser als die beste Militärdiktatur. Punkt. Darüber kann und wird es keine Diskussion geben!

Putsch uncool, aber Erdogan auch uncool

Ein anderes Lager meint, dass der Putsch nicht ok sei, aber es auch verwerflich wäre, dass Präsident Erdogan das Volk auf die Straße rief. Diese denken, dass das türkische Volk für einen diktatorischen Politiker auf die Straße gehen, lediglich aus blindem Gehorsam – wirklich?

Ich muss jene leider bitter enttäuschen. Nicht nur Erdogan-Anhänger waren auf der Straße, sondern auch unzählige Laizisten, Linke, Rechte, Religiöse – gänzlich multiethnisch, multikulturell. Alle Schichten haben ihr Bestes getan. Die Feuerwehr ist geschlossen gegen die Putschisten angerückt, Bauarbeiter, Lastwagenfahrer, Busfahrer, Polizisten, Krankenwägen – sie alle unterstützten das Volk und nicht die Putschisten! Für das Wohl der Türkei. Gemeinsam. Denn wären wir zu Hause geblieben, dann wären wir vermutlich in einer Militärdiktatur aufgewacht!

Diktator Erdogan ist an allem schuld!

Das lächerlichste Argument hört man aus einem Lager, welches in feinster „Alu-Hut“- und „Chemtrail“-Manier behauptet, dass der Putsch von Erdogan nur inszeniert sei (so wie natürlich alle bisherigen und kommenden Terroranschläge, gar alles Böse im Land), damit er seine Macht ausbauen könne.

Es drängt sich vermehrt der Eindruck auf, dass für diese Menschen Verschwörungstheorien ok sind, wenn sie gegen die eigenen ideologischen Feinde gerichtet sind. Fraglich ist, ob diese konspirativen Gesellen, die den quasi omnipräsenten und omnipotenten Erdogan hinter allem und jedem überall wittern, auch bei Geschehnissen wie 9/11 einen „Inside-Job“ sahen? Nein, denn das wäre ja pietätlos, nicht? Schließlich gab es mehr als 3000 Tote! Aber bei Erdogan, da kann man wild spekulieren, verübeln wird es einem hier keiner, er ist schließlich in Deutschland verhasst wie kein anderer Politiker. In Deutschland kocht die Verschwörungssuppe. Krudeste Theorien werden angeführt– zugegeben, auch sehr kreative. Beweise? Keine.

Manche ignorante Unwissende, die einfach völlig ohne Kenntnisse zur Türkei oder zum Putsch, beziehungsweise zu den Ereignissen vor Ort, von den Putschisten als „Stauffenbergs“ und von Erdogan als Hitler sprechen, gar den Putsch als „den Reichstagsbrand Erdogans“ betiteln, machen sich nicht nur lächerlich, sondern lassen ernsthaft an ihrer Vernunft zweifeln. Welch naive Assoziationsfähigkeit!

Diese selbsternannten Experten offenbaren damit, dass sie wirklich gar nichts über die Türkei wissen. Nada. Weder wissen sie etwas über die türkische Geschichte, noch über die Ereignisse in dieser Nacht oder die Mittel, Ziele und Loyalitäten der Putschisten. Statt von Informationen werden jene von blindem Aktionismus und einer hasserfüllten Ideologie gegen Präsident Erdogan beherrscht. Das ist gefährlich, weil es das Urteilsvermögen massiv trübt.

Wer ist wirklich schuld?

Die Regierung und Opposition macht die „Gülen-Sekte“ (tiefer Staat) für den Putsch-Versuch verantwortlich, die Bewegung des exilierten Gurus Fethullah Gülen aus Pennsylvania. Alles deutet auf sie und ihre Strohmänner im Staat.

Zwei Jahre später ist man über die Ausmaße der Verschwörung im Staat verwundert. Zehntausende Loyalisten Gülens hatten querbeet alle staatlichen Institutionen ausgehöhlt und unterwandert – vom Militär, der Polizei über Lehrern und Staatsanwälten hin zu Richtern. Und das waren nicht einige wenige. Ein ausgeklügeltes Netzwerk aus Fanatikern, die sogar so dreist waren, nach dem Putsch ihre eigenen Leute, die am Putsch beteiligt waren, zu decken, als Polizisten zu beschützen, als Richter freizusprechen und ihnen ins Ausland zu verhelfen. Dass es zu dieser immensen Infiltration aller staatlichen Institutionen gekommen ist, dafür tragen die Regierenden die Schuld. Doch leider sind meines Erachtens diesbezüglich keine bedeutenden Verantwortlichkeiten angeklagt worden. Da ist es zwar wichtig, dass Mitglieder der Sekte in den staatlichen Institutionen ausfindig und mit einem rechtsstaatlichen Prozess angeklagt werden müssen, aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass die bisherigen Regierungen, die AKP auch, diese Infiltration erst richtig möglich gemacht hat.

Unwissende Soldaten oder überzeugte Putschisten?

Ein Polizist vor Ort meinte, dass die teils sehr jungen Soldaten von ihren Vorgesetzten mit erfundenen Gründen reingelegt und ohne ihr Wissen zu Mittätern beim Putsch gemacht worden sind. Man habe sie angeblich gegen eine Terrorgefahr mobilisiert und aufgestellt. Andere meinten, sie wären dazu beordert worden mit der Begründung, es sei lediglich eine Militärübung. Wieder andere meinten, es wäre ihnen als eine Schutzmaßnahme gegen einen Bombenanschlag verkauft worden.

Meiner Meinung nach sind diese Ausreden unglaubwürdig, da die Soldaten doch merken sollten, dass mit ihrer Gegenwart dort ein Putsch ausgerufen wurde. Wenn das nich klar ist, dann bemerkt man doch, Teil eines Putsches zu sein, wenn das zivile Volk auf die Putschisten zuläuft  und noch dazu die Polizei die Putschisten zur friedlichen Aufgabe bewegen wollen. Aber spätestens wenn die Putschisten-Generäle befehlen, auf das unbewaffnete Volk zu schießen, dann ist es an der Zeit diese illegitimen Befehle zu missachten.

Es ist aber nicht alles schwarz und weiß. Drei Soldaten, die den Putschisten-Kommandanten den Gehorsam verweigert haben, als diese befahlen, dass sie auf das Volk schießen sollten, wurden ihrerseits von ihren Generälen kaltblütig erschossen. Andere Soldaten ergaben sich freiwillig. Deswegen braucht es einen rechtsstaatlichen Gerichtsprozess gegen alle Beteiligten, denn nur so kann Gerechtigkeit geübt werden.

Gerade hier hat der Staat in den vergangenen zwei Jahren weitestgehend versagt. Ich verstehe: Mit den Tausenden verräterischen Richtern und Staatsanwälten, deren Loyalität Gülen gebührt, die entlassen worden sind, kann der Rechtsstaat nicht annähernd ein akzeptables Tempo der juristischen Verfahren erreichen. Weder gibt es genug Personal für das Erheben von Anklagen, noch für die Abarbeitung der Prozesse. Aber das darf keine Ausrede dafür sein, dass der Staat Unschuldige hinter Gittern hält – und davon gibt es viel zu viele. Gerechtigkeit ist das Fundament jeder Herrschaft!

Täter-Opfer-Umkehr

Ein Trend unter Putsch-Befürwortern und neurotischen Erdogan-Hassern ist die Täter-Opfer-Umkehr: Putschisten werden kurzerhand zu Opfern gemacht. Einige Putschisten wurden nach ihrer Verhaftung von Bürgern verprügelt, diese Bilder werden geteilt, um die Putschisten zu vermenschlichen, Empathie für sie zu erzeugen und die Opfer, nämlich das Volk, kollektiv zu Tätern zu erklären.

Eins muss mit völliger Klarheit gesagt werden: In einem Rechtsstaat sind Lynchjustiz und Selbstjustiz ohne wenn und aber FALSCH. Alle die das tun, gehören vor Gericht.

Manche neurotischen Erdogan-Hasser jedoch instrumentalisieren diese Taten, um mit einer Täter-Opfer-Umkehr Sympathien für die Putschisten und Antipathien gegen das Volk zu erzeugen. Der Putsch, der wird von „pflichtbewussten Soldaten“ unternommen, und das Volk, dass sich dagegen auflehnt, jene werden als „AKP-Fanatiker“ verunglimpft. Das muss man erst einmal schaffen: Mörderische Putschisten, die völlig gewissenslos auf unbewaffnete Bürger schießen, als Opfer darzustellen. Wow. Das ist eine richtig kranke Fantasie – was für ein Zeug schlucken diese Leute?

Mal abgesehen davon. Ich war vor Ort. Die Menschen waren besonnen, bis die Putschisten damit begannen auf sie zu schießen und zahlreiche Zivilisten ermordeten. Dann wurden einige Bürger hysterisch und wollten ihrerseits mit Steinen (!) werfen, doch der Polizeikommissar an unserer Seite intervenierte sofort und sprach von den Soldaten als „unsere Soldaten“. Er verbat das, noch dazu wurde einer, der einen Stein auf die Soldaten geworfen hatte, von den Menschen um uns herum energisch und erfolgreich zurechtgewiesen: „Was wirfst du Steine? Was denkst du dir dabei? Bist du verrückt? Hör auf damit!“ – dessen Zeuge ward ich.

Und die, die doch Lynchjustiz betreiben wollten und wollen: Ihr seid Vollidioten. Ihr seid keinen Deut besser als die Putschisten. Manche üben Selbstjustiz, indem sie den „korrupten“ Staat stürzen wollen und missachten damit die Demokratie und den Rechtsstaat, und ihr übt Selbstjustiz, indem ihr euch illegitim zum Richter und Henker ernennt. Wozu gibt es Gesetze und Gerichte?

Putsch war schlecht organisiert?

Es gibt jetzt einige, die sagen, dass der Putsch schlecht organisiert war. Nach zwei Jahren ist klar: Nur eine Minderheit im Militär unterstützte den Putsch. Als schneller als geplant die Putschabsichten offenbar wurden, blieb ihnen womöglich nicht mehr übrig, als genau dann zu putschen. Der Staatsfernseher TRT und der private Sender CNN, der regierungskritisch ist, wurde gewaltsam von den Putschisten unter Kontrolle gebracht, strategisch wichtige Orte in der Türkei von der Armee mit Panzern besetzt, die Polizei-, Armee- und Geheimdienstführung wurde verfolgt, verschleppt oder getötet. So kam es, dass die Polizisten sich lose selbst gegen die Putschisten formiert haben, da ihre Befehlsstruktur gewaltsam außer Gefecht gesetzt wurde.

Religiöse Fanatiker üben Lynchjustiz?

Interessanterweise behaupten Leute, die gar nicht vor Ort waren, dass religiöse (bzw. religiös gekleidete) Menschen Lynchjustiz an den Soldaten geübt hätten. Das ist eine Lüge. In Carsamba gibt es den bekannten Sufi-Orden der „Ismail Aga“, die zu tausenden vor Ort gegen die Militärdiktatur und für Demokratie aufmarschierten. Diese engagierten Menschen waren es, die die Verletzten weggetragen haben, während die Kugeln weiterflogen. Das heißt, während wir alle am Boden lagen und Schutz vor dem wütenden und erbarmungslosen Geballer der abtrünnigen Soldaen suchten – ich eingeschlossen – waren es diese Menschen, die die Verletzten nicht ihrem Schicksal überließen, sondern engagiert handelten. Dafür verdienen sie einzig und allein Applaus und Dank. Alles andere ist Heuchelei!

Türkei – „mein Land“?

Im Zuge des Tages habe ich ein Interview für die Rhein-Pfalz gegeben (http://www.rp-online.de/politik/ausland/putschversuch-in-der-tuerkei-wir-haben-alle-unser-leben-riskiert-aid-1.6124358). Manche haben da Anstoß an meiner Aussage „unser Land“ gefunden, da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin – wie könnte ich da die Türkei als „mein Land“ bezeichnen und nicht Deutschland? Das Problem ist, dass jene nicht wissen, dass jemand auch zwei Heimaten haben kann. Deutschland und Türkei – beide sind MEINE Länder, sind meine Heimaten. Zu beiden fühle ich mich tief verbunden. Und für beide kämpfe ich.

Jemand hält das blutige Unterhemd eines Polizisten in der Hand.
Jemand hält das blutige Unterhemd eines Polizisten in der Hand.
  1. Persönliche Einschätzung

Alles für Erdogan?

Das wichtigste ist: Bei diesem Aufstand gegen den Putsch geht es dem Volk nicht um Erdogan, um eine Partei oder um Politik, sondern um das Wohl des ganzen Landes. Wer unser Ideal einer freien Gesellschaft, einer demokratischen Gesellschaft, das sich im Kampf gegen die Putschisten greifbar manifestiert hat und immer noch tut, auf Erdogan reduziert, auf EINE EINZIGE Person, die noch dazu im Volk umstritten ist, der tut den Türken bewusst Unrecht. Damit will jener lediglich seine ideologische Agenda vorantreiben – und das auf dem Rücken unzähliger Toter und verletzter Zivilisten. Das ist morbide und pietätlos.

Wiedereinführung der Todesstrafe?!

Manche Türken forderten nach dem Putsch emotionsgetrieben die Wiedereinführung der Todesstrafe für die verräterischen Putschisten-Soldaten. Ich war schon damals und bin auch heute entschieden gegen die Wiedereinführung einer Todesstrafe, denn wir sind besser als die Putschisten. Das hat letztlich das Parlament auch so entschieden. Das Volk ist mit rationaler Einsicht aus dieser emotionalen Fallgrube herausgekommen.

Trauer um Verrat

Es ist traurig, dass türkische Soldaten auf das türkische Volk schießen – aber jene waren ideologisch verblendete und fanatische Mörder. Die Loyalität dieser Putschisten lag bei einem Guru in Amerika und ihre Mittel und Ziele waren durch und durch schlecht.

Der Putsch ist nach zwei Jahren zwar vollständig abgewehrt. Aber noch immer sind Fragmente dieses Netzwerkes im Staat vorhanden – die Türken müssen wachsam bleiben. Die gemeinsame Abwehr des Militärputsches durch alle Schichten quer durch das türkische Volk war eine einmalige Chance für die Bevölkerung die bestehende Polarisierung zur Einheit umzuwandeln. Sogar die CHP, HDP und MHP hatten den Putsch verurteilt. Abertausende Kurden demonstrierten in Diyarbakir und anderen kurdischen Städten für die Demokratie, gegen den Putsch und für den Verbleib der bestehenden Staatsstruktur. Doch die Chance ging weitestgehend ungenutzt vorbei. Leider.