Demokratie geht über die Debatte, nicht über die Waffe

15-16.07 – Die Nacht der Demokratie

Diese Nacht geht in die Geschichte ein als die Nacht der Demokratie. Das türkische Volk hat entschieden ihre Demokratie verteidigt, einen Militärputsch (bisher) erfolgreich abgewehrt. Wie? Das erfährt ihr in diesem Text anhand eines beispielhaften Erlebnisses.

  1. Erlebnisbericht

Kurz vor Mitternacht sitzen wir mit der Familie im Wohnzimmer des Hauses meiner Eltern in Istanbul, Fatih Carsamba, als uns ein plötzlicher, völlig surrealer Anruf meines Vaters in einen Schock versetzt. Am Telefon teilt er uns mit, dass Soldaten der türkischen Armee die zwei strategisch wichtigen Brücken Istanbuls, die die asiatischen und europäischen Teile miteinander verbinden, mit Panzern besetzt halten. Andere Soldaten stürmten den Atatürk-Flughafen  und in Ankara sowie Istanbul flogen abtrünnige Jets sehr niedrig, um der Bevölkerung Furcht einzuflößen und sie zu Hause zu behalten. Er sagte, dass das Militär gegen den türkischen Staat putscht. Mehr könne er uns dazu auch nicht sagen, also schalte ich den Staatssender TRT an, um mehr darüber zu erfahren. Dieser ist jedoch außer Betrieb und die Website wurde länger nicht aktualisiert. Verwundert öffne ich die Seite der regierungskritischen „Cumhuriyet“ und was wir für unmöglich gehalten haben, wird bestätigt.

Auf der Suche nach noch mehr Informationen in diesem undurchsichtigen Putsch-Versuch wird nach kurzer Zeit eine beängstigende Erklärung durch eine zitternde Nachrichtenmoderatorin der TRT verlesen. Die Putschisten, die den Sender gewaltsam unter ihre Kontrolle nahmen, zwingen die verängstigte Sprecherin dazu, den Ausnahmezustand und eine Ausgangssperre in ihrem Namen auszurufen. Jetzt begreife ich: die Lage ist ernst.

Sofort assoziiere ich den Zustand, in dem sich die Türkei befindet, mit dem katastrophalen Ausgang des Coup d’États in Ägypten, und ich weiß: das lassen wir hier nicht zu! Nach dem Putsch von dem menschenverachtenden, illegitimen und verbrecherischen Diktator Sisi wurden tausende Menschen ermordet, noch weitaus mehr wurden inhaftiert und gefoltert, Parteien und Medien gleichgeschaltet. DAS WOLLEN WIR NICHT. Und wir sind uns der Stärken und der Schwächen unserer Demokratie in der Türkei sehr wohl bewusst. Die Demokratie muss reifen, und heute Nacht kann sie das meiner Meinung nach sehr wohl tun.

Nach einer kurzen Beratung mit meiner Familie beschließen mein Vater und ich, stellvertretend für die ganze Familie, uns auf die Straße gen Militär zu begeben. Wir laufen auf die Hauptstraße und erfahren dort von Zivilisten, dass die Putschisten sich vor der Stadtverwaltung aufgestellt haben, und die Straße blockieren. Also begeben wir uns dorthin. Mit uns zusammen strömen hunderte, gar tausende Menschen zur Stadtverwaltung auf die abtrünnigen Soldaten.

Dort, vor dem Gebäude auf der Straße, stehen die Putschisten und richten ihre Waffe gen Volk.

Wir laufen auf sie zu, jung und alt (Keine Kinder!), Frauen und Männer. Noch voller Mut, ohne Angst. Doch dann schießen die Putschisten in die Luft, wir bleiben augenblicklich stehen. Ein Polizeikommissar ist auf unserer Seite und ruft uns zur Besonnenheit auf. Er sagt: „Wartet auf uns. Unsere Einheiten werden das regeln. Wir wollen nicht, dass Blut fließt. Schließlich sind das unsere Soldaten.“ Die Menge gehorcht ihm, doch wir werden immer mehr. Weitere Tausende schließen sich uns an.

Auf einmal eröffnen die Soldaten das Feuer und erschießen einen jungen Mann, der auf sie zuläuft. Die Menge bekommt es mit der Angst zu tun, also werfen sie sich zu Boden, stehen dann nach kurzer Zeit wieder auf und laufen erneut furchtlos auf die Putschisten zu, geradezu auf die auf uns gerichteten Mündungen der Panzer.

Dann passiert etwas Ungeheuerliches – die Putschisten schießen bewusst auf uns, das Volk, eine Kugel landet in der Wade einer jungen Frau neben mir, die kurz darauf zum Krankenwagen getragen wird. Überall gibt es Verletzte und Tote – es herrscht Chaos. Jetzt bekomme ich es auch mit der Angst zu tun, also begebe ich mich etwas zurück und suche Deckung hinter einem Baum. Fortan habe ich die ganze Nacht ein mulmiges Gefühl im Bauch. Bis dato sind schon anderthalb Stunden vergangen.

Plötzlich kommen Feuerwehrwägen, Bagger, Laster, Busse, gepanzerte Wasserwerfer der Polizei angefahren und errichten ein Schutzschild vor dem Volk gegen die Soldaten. Die Feuerwehrwägen und Wasserwerfer beschießen die Soldaten mit Wasser und Schaum. Nach und nach strömen immer mehr Polizisten, oft spärlich mit Pistolen bewaffnet, zu uns, und erwidern, nach erfolglosem Aufruf zur Ergebung, das Feuer auf die Abtrünnigen.

Nach weiteren anderthalb Stunden, die sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlen, haben sie unter heldenhaftem Einsatz ihres Lebens die Putschisten besiegt. Es waren syrische Flüchtlinge, die mutig an die vorderste Front zu den Polizisten liefen und ihnen Wasser zu trinken reichten. Neben mir standen die verschiedensten Menschen vereint gegen das Diktat der Putschisten. Die eben erwähnten syrischen Flüchtlinge, irakische Flüchtlinge, Palästinenser, Libanesen, konservative und liberale Türken, religiöse und laizistische Türken, Pro- und Anti-Erdogan-Türken und Kurden (ja, wirklich, Kurden!) boten Seite an Seite dem Versuch des Umsturzes der Demokratie die Stirn. Nachdem die Putschisten besiegt waren, begab sich das Volk auf die Panzer, doch den meisten war nicht zu Feiern zumute. Es war einfach zu viel Blut geflossen. Plötzlich flogen Armeejets ganz nah an uns vorbei. Diese wurden absichtlich so tief geflogen, damit durch den entstehenden fürchterlichen Lärm die Bevölkerung eingeschüchtert wird, sodass sie sich zu Hause einsperren und nicht gegen den Putsch auf die Straße gehen (in der Erklärung der Putschisten hieß es vorher, dass sie eine Ausgangssperre verhängt hätten). In unserer Nähe wurde seitens der Flieger Bomben geworfen. Die Menge suchte verzweifelt Deckung, glücklicherweise traf uns die Bombe nicht.

Nachdem das Gefecht gewonnen ist, die Putschisten besiegt sind, laufe ich gemeinsam mit meinen arabischen Freunden zur naheliegenden Moschee, um dort das Morgengebet zu verrichten. Diese Moscheen waren es, die uns moralisch mit ,,Sela“- Gesängen aus den Minaretten unterstützten, ohne die wir längst zersplittert aufgelöst worden wären. Wir danken euch, ehrenvolle Imame, dass ihr uns unterstützt habt!

Mutige Flüchtlinge

Wieso standen die Flüchtlinge aber an vorderster Front? Was reitet einen Menschen dazu, für ein fremdes Land sein Leben aufs Spiel zu setzen? Und glaubt mir, die Putschisten schossen auf uns, mit scharfer Munition. Viele um mich sind gestorben, und viele wurden verletzt. Das war kein Spiel. Es ging um Leben und Tod. Und trotzdem waren die syrischen Flüchtlinge ganz vorne mit dabei. Warum? „Die Türken sind unsere Geschwister! Wir lieben dieses Land und die Leute! Wir leben und sterben mit euch!“, sagte einer der jungen Syrer.

Menschen die Bankautomaten und Märkte leerräumten?

Traurig und enttäuschend, gar feige sind jene, die nach dem Beginn des Putschversuchs panisch und egozentrisch die Bankautomaten, die Supermärkte und Tankstellen leerräumten. Was ist das für eine Integrität, für ein gesellschaftliches Bewusstsein? Menschlich verständlich, aber feige angesichts der Tatsache, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben und kämpfen müssen!

Die wahren Helden: Polizisten

Die wahren Helden der Nacht sind die aufopferungswilligen und mutigen Polizisten. Nebst unserer Verteidigung beschützten sie auch die mörderischen Putschisten vor einer Lynchjustiz nach ihrer Festnahme. Gerechtigkeit üben, sogar gegenüber verräterischen Mördern. Darauf bin ich wirklich stolz.

Große Gefährte wie Bagger, Busse, Laster und Feuerwehrwägen wurden zum Schutze aufgestellt.
Große Gefährte wie Bagger, Busse, Laster und Feuerwehrwägen wurden zum Schutze aufgestellt.
  1. Reaktionen + Bewertung

Die Bewertung des versuchten militärischen Umsturzes der demokratischen Ordnung in der Türkei fiel in unterschiedlichen Teilen der internationalen Gemeinschaft sehr verschieden aus.

Putsch ist cool, da Erdogan ein Diktator ist

Ein Lager meinte, dass der Putsch ok sei, da Präsident Erdogan ein Diktator sei: “Es ist doch gut, wenn Erdogan nicht mehr an der Macht ist, oder? Warum also der ganze Trubel? Wieso geht ihr auf die Straße?” – jene, die so argumentieren, denken entweder, dass wir wollen würden, dass das Militär putscht (das will so gut wie niemand, wie die gewählten Vertreter aller Parteien unisono repräsentativ verkündet haben), oder sie denken so: „Der Zweck heiligt die Mittel, obgleich dadurch hunderte Menschen ermordet werden!“. Meines Erachtens ist diese Ansichtsweise moralisch verwerflich und durch nichts zu rechtfertigen. Ideologisierte Blindgänger, fanatische Erdogan-Hasser und elitistische Steinzeitkemalisten haben ihre Hoffnung in demokratische Wege verloren, um den von ihnen verhassten Präsidenten abzusägen und sympathisieren deshalb mit den Putschisten. Das sehen sie als einziges Mittel, um ihre politischen Ziele zu erreichen – tote und verletzte Zivilisten? Sei’s drum.

Davon sprechen jene, die keine Kenntnisse zur Geschichte der blutigen Militärputsche in der Türkei haben völlig leichtfertig und ohne jegliche Scham (oder wissentlich, was noch schlimmer ist). Einfach nachschlagen: 1960, 1971, 1980 und 1997-Putsche.

Kenan Evren, der mörderische Putschisten-Führer der 80er, sagte damals, als er die Macht erfolgreich übernommen hatte: „Damit wir gerecht sind, haben wir einen von den Rechten gehängt, und danach einen von den Linken.“ Sein Gerechtigkeitssinn steht und fällt mit der Zahl von von ihm gehängten Menschen. Solch eine Ideologie, solch eine Gedankenwelt hat lange Jahre lang sein gewaltsames und äußerst tödliches Diktat über die türkische Bevölkerung walten lassen, und eine schmerzvolle Erfahrung haben wir machen müssen: Die schlechteste Demokratie ist gewiss besser als die beste Militärdiktatur, Punkt. Darüber kann und wird es keine Diskussion geben!

Putsch uncool, aber Erdogan auch uncool

Ein anderes Lager meint, dass der Putsch nicht ok sei, aber es auch verwerflich wäre, dass Präsident Erdogan das Volk auf die Straße rief. Diese denken, dass wir, das Volk, für einen umstrittenen Politiker auf die Straße gehen, aus blinden Gehorsam – aber ich muss jene leider enttäuschen. Nicht nur Erdogan-Anhänger waren auf der Straße, sondern auch unzählige Laizisten, Linke, Rechte, religiöse – gänzlich multiethnisch, multikulturell. Ein Beweis dafür ist auch, dass wirklich alle aus jeder Schicht sein Bestes getan hat. Die Feuerwehr ist geschlossen gegen die Putschisten angerückt, Bauarbeiter, Lastwagenfahrer, Busfahrer, Polizisten, Krankenwägen – sie alle unterstützten das Volk und nicht die Putschisten! Für unser aller Land. Gemeinsam. Denn wären wir zu Hause geblieben, dann wären wir vermutlich in einer Militärdiktatur aufgewacht!

Diktator Erdogan ist an allem schuld!

Das lächerlichste und moralisch verwerflichste Lager ist jenes, welches in feinster „Alu-Hut“- und „Chemtrail“-Manier behauptet, dass der Putsch von Erdogan nur inszeniert sei (so wie natürlich alle bisherigen und kommenden Terroranschläge, gar alles Böse im Land), damit er seine Macht stabilisieren könne. Es drängt sich vermehrt der Eindruck auf, dass für diese Menschen Verschwörungstheorien ok sind, wenn sie gegen die eigenen ideologischen Feinde gerichtet sind. Fraglich ist, ob diese konspirativen Gesellen, die den quasi omnipräsenten und omnipotenten Erdogan hinter allem und jedem überall wittern, auch bei Geschehnissen wie 9/11 einen „Inside-Job“ sahen? Nein, denn das wäre ja pietätlos, nicht? Schließlich gab es über 3000 Tote! Aber bei Erdogan, da kann man wild spekulieren, verübeln wird es einem hier keiner. In Deutschland kocht die Verschwörungssuppe. Krudeste Theorien werden angeführt, teilweise – zugegeben – auch sehr kreative Verschwörungen – Beweise? Keine.

Manche ignorante Unwissende, die einfach völlig ohne Kenntnisse zur Türkei oder zum Putsch, beziehungsweise zu den Ereignissen vor Ort, von den Putschisten als „Stauffenbergs“ und von Erdogan als Hitler sprechen, gar den Putsch als „den Reichstagsbrand Erdogans“ betiteln, diskreditieren ihre persönliche naive Assoziationsfähigkeit und offenbaren damit ihren mangelhaften Zugang zu Informationen in der Türkei. Statt von Informationen werden jene von blindem Aktionismus und Wut gegen Erdogan beherrscht. Das ist gefährlich. Aber jüngst leider an der Tagesordnung, nicht nur gegen Erdogan, sondern auch gegen unsere Bundeskanzlerin Merkel.

Wer ist wirklich schuld?

Die Regierung und Opposition macht die „Gülen-Sekte“ (tiefer Staat) für den Putsch-Versuch verantwortlich, die Bewegung des exilierten Fethullah Gülen aus Pennsylvania. Alles deutet auf sie und ihre Strohmänner im Staat. Die Köpfe im Militär und in der Justiz wurden schon ausfindig gemacht. Genaueres weiß man momentan nicht.

Einfache Soldaten, wissentliche Putschisten?

Ein Polizist vor Ort meinte, dass die teils sehr jungen Soldaten von ihren Vorgesetzten mit anderen Gründen reingelegt und ohne ihr Wissen zu Mittätern gemacht worden sind. Man habe sie angeblich   gegen eine Terrorgefahr mobilisiert und aufgestellt. Andere meinten, sie wären dazu beordert worden mit der Begründung, es sei lediglich eine Militärübung. Wieder andere meinten, es wäre ihnen als eine Schutzmaßnahme gegen einen Bombenanschlag verkauft worden. Meiner Meinung nach ist es zu undurchsichtig, um konkrete Feststellungen zu äußern. Dennoch, es bleibt zumeist unglaubwürdig, da die Soldaten doch merken sollten, dass mit ihrer Gegenwart dort ein Putsch ausgerufen wurde. Spätestens jedoch, als das zivile Volk auf die Putschisten zulief, und noch dazu die Polizei sie zur friedlichen Aufgabe bewegen wollte, da hätten sie es merken sollen.

Es ist aber nicht alles schwarz und weiß. Drei Soldaten, die den Putschisten-Kommandanten den Gehorsam verweigert haben, als diese befahlen, dass sie auf das Volk schießen sollten, wurden ihrerseits von ihren Generälen kaltblütig erschossen. Andere Soldaten ergaben sich freiwillig. Deswegen braucht es einen rechtsstaatlich einwandfreien Gerichtsprozess gegen alle Beteiligten, denn nur so kann Gerechtigkeit geübt werden.

Fotos und Videos

Viele fragten mich während des Putsches, ob ich vor Ort Fotos oder Videos machen könne. Ich habe welche gemacht, aber nicht blind veröffentlicht. Es wäre unklug gewesen von Emotionen geleitet hochemotionale Videos zu verbreiten und damit womöglich die Öffentlichkeit aufzuwiegeln. Jetzt, mit klarem Kopf, kann ich rational abwägen, welches Bildmaterial Informationsgehalt hat und welches nur Sensationsjournalismus ohne wahren Informationsgehalt darstellt.

Täter-Opfer-Umkehr

Ein Trend unter Putsch-Befürwortern und blinden Erdogan-Neurotikern ist die moralisch verwerfliche Täter-Opfer-Umkehr: Putschisten werden kurzerhand zu Opfern gemacht. Diese werden nach ihrer Verhaftung von dem Volk verprügelt, dessen Bilder werden geteilt, um die Opfer, nämlich das Volk, kollektiv zu Tätern zu erklären.

Eins muss mit völliger Klarheit gesagt werden: In einem Rechtsstaat sind Lynchjustiz und Selbstjustiz ohne Wenn und Aber FALSCH. Alle die das tun, gehören vor Gericht. Manche Erdogan-Neurotiker jedoch instrumentalisieren diese Taten, um mit einer Täter-Opfer-Umkehr Sympathien für die Putschisten und Antipathien gegen das Volk zu mobilisieren. Der Putsch, der wird von „pflichtbewussten Soldaten“ unternommen, und das Volk, dass sich dagegen auflehnt, jene werden als „AKP-Fanatiker“ verunglimpft. Nein, das stimmt nicht! Ich war vor Ort. Die Menschen waren besonnen, bis die Putschisten auf sie schossen. Dann wurden einige hysterisch und wollten ihrerseits mit Steinen werfen, doch der Polizeikommissar an unserer Seite sprach von den Soldaten als „unsere Soldaten“ und verbat das, noch dazu wurde einer, der einen Stein auf die Soldaten warf, von den Menschen um uns herum energisch und erfolgreich zurechtgewiesen: „Was wirfst du Steine? Was denkst du dir dabei? Bist du verrückt? Hör auf damit!“ – dessen Zeuge ward ich. Und die, die doch Lynchjustiz betreiben wollten und wollen: Ihr seid Vollidioten. Ihr seid keinen Deut besser als die Putschisten. Manche üben Selbstjustiz, indem sie den „korrupten“ Staat stürzen wollen und missachten damit die Demokratie und den Rechtsstaat, und ihr übt Selbstjustiz, indem ihr euch illegitim zum Richter und Henker ernennt. Wozu gibt es unabhängige Gerichte?

Putsch war schlecht organisiert?

Es gibt jetzt einige, die sagen, dass der Putsch schlecht organisiert war. Dazu gibt es keine eindeutige Antwort, da nur eine Minderheit im Militär den Putsch unterstützte, liegt diese Möglichkeit nahe. Diese waren aber auch jene, die sich aussichtslos gegen die Justiz wähnten und wussten, dass sie bald auffliegen würden, also blieb ihnen womöglich nicht mehr übrig, als genau JETZT zu putschen. Doch andererseits: Der Staatsfernseher TRT und der private Sender CNN, der regierungskritisch ist, wurde gewaltsam von den Putschisten unter Kontrolle gebracht, strategisch wichtige Orte in der Türkei von der Armee mit Panzern besetzt, Druck auf die Polizeiführung und Justiz ausgeübt. So kam es, dass die Polizisten sich lose selbst gegen die Putschisten formiert haben, da ihre Befehlsstruktur außer Gefecht gesetzt wurde durch die Putschisten. Deswegen konnten die Putschisten so lange bestehen, denn die Polizisten konnten nicht geschlossen und organisiert eingreifen.

Religiöse Fanatiker üben Lynchjustiz?

Interessanterweise behaupten Leute, die gar nicht vor Ort waren, dass religiöse (bzw. religiös gekleidete) Menschen Lynchjustiz an den Soldaten geübt hätten. Das ist eine Lüge. In Carsamba gibt es den bekannten Sufi-Orden der „Ismail-Aga“, die zu tausenden vor Ort gegen eine Militärdiktatur und für Demokratie aufmarschierten. Diese engagierten Menschen waren es, die die Verletzten weggetragen haben, während die Kugeln weiterflogen. Das heißt, während wir alle am Boden lagen und Schutz vor dem wütenden und erbarmungslosen Geballer der abtrünnigen Soldaen suchten – ich eingeschlossen – waren es diese Helden, die die Verletzten nicht ihrem Schicksal überließen, sondern engagiert handelten. Dafür verdienen sie einzig und allein Applaus und Dank. Alles andere ist Heuchelei!

Türkei – „mein Land“?

Im Zuge des heutigen Tages habe ich ein Interview für die Rhein-Pfalz gegeben (http://www.rp-online.de/politik/ausland/putschversuch-in-der-tuerkei-wir-haben-alle-unser-leben-riskiert-aid-1.6124358). Manche haben da Anstoß an meiner Aussage „unser Land“ gefunden, da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin – wie könnte ich da die Türkei als „mein Land“ bezeichnen und nicht Deutschland? Das Problem ist, dass jene nicht wissen, wie jemand mit zwei Heimaten fühlt. Deutschland und Türkei – beide sind MEINE Länder, sind meine Heimat. Zu beiden fühle ich mich tief verbunden. Und für beide kämpfe ich.

Jemand hält das blutige Unterhemd eines Polizisten in der Hand.
Jemand hält das blutige Unterhemd eines Polizisten in der Hand.
  1. Persönliche Einschätzung

Alles für Erdogan?

Das wichtigste ist: Bei unserem Aufstand gegen den Putsch geht es uns, dem Volk, nicht um Erdogan, um eine Partei oder um Politik, sondern um unser aller Land. Wer unser Ideal einer freien Gesellschaft, einer demokratischen Gesellschaft, das sich im Kampf gegen die Putschisten greifbar manifestiert hat und immer noch tut, auf Erdogan reduziert, auf EINE EINZIGE Person, die noch dazu im Volk umstritten ist, der tut uns bewusst Unrecht. Damit will jener lediglich seine ideologische Agenda vorantreiben – und das auf dem Rücken unzähliger Toter und verletzter Zivilisten. Das ist morbide und pietätlos.

Wiedereinführung der Todesstrafe?!

Manche Türken fordern die Wiedereinführung der Todesstrafe für die verräterischen Putschisten-Soldaten, was jetzt von den Politikern diskutiert werden soll. Ich bin entschieden gegen die Wiedereinführung einer Todesstrafe, denn wir sind besser als die Putschisten. Das wird letztlich das Parlament entscheiden müssen. Aber, es ist eben eine emotionale Fallgrube in die das Volk verständlicherweise fallen kann und gefallen ist – aber es muss dort mit rationaler Einsicht herauskommen.

Trauer um Verrat

Es ist traurig, dass türkische Soldaten auf das türkische Volk schießen – aber jene sind keine wahren Soldaten, sondern verräterische Mörder, die ideologisch verblendet sind. Es erinnert mich an den geehrten Freund und Gefährten unseres Propheten Muhammad, Friede sei mit Ihm, Umar al-Faruq (Möge Allahs Wohlgefallen auf Ihm sein), der während seiner Amtszeit als Khalifa durch den nicht-muslimischen Abu Lu’Lu während des Morgengebets gemeuchelt wurde. Umar war später erleichtert, als er über die Identität des Abu Lu’Lu in Kenntnis gesetzt wurde, denn sein Mörder war nicht aus den Reihen der Muslime. Es ist der Verrat, der einem am meisten schmerzt. Umso klarer mir das wird, desto trauriger werde ich.

Ausblick in die Zukunft

Der Putsch darf keineswegs eine Rechtfertigung dafür sein, dass mit ihm machiavellistische Ziele der Regierung verfolgt werden. Darauf müssen wir als Volk genau achten – und notfalls werden wir erneut für unsere Freiheit auf die Straße gehen und auch kämpfen, und sterben.

Noch ist der Putsch jedoch nicht vollständig abgewehrt. Viele Generäle, die den Putschisten nicht gehorchten, werden immer noch vermisst – wir müssen wachsam bleiben. Die Leute müssen auf der Straße bleiben!

Die gemeinsame Abwehr des Militärputsches durch alle Schichten quer durch das türkische Volk ist eine einmalige Chance für die Bevölkerung die bestehende Polarisierung in ihr zur Einheit umzuwandeln. Sogar die CHP, HDP und MHP haben den Putsch verurteilt. Abertausende Kurden demonstrieren in Diyarbakir und anderen kurdischen Städten für die Demokratie, gegen den Putsch und für den Verbleib der bestehenden Staatsstruktur (und damit auch des Präsidenten Erdogan). Das sind jene Kurden, die vorgeblich gegen den Staat seien – dem ist nicht so. Wer das nicht glaubt, der schaltet einfach eine Liveübertragung aus den zahlreichen kurdischen Städten ein!  Es ist eben die EINE Chance für das türkische Volk, wahre Einheit zu bewerkstelligen und die gesellschaftlichen Gräben zu überwinden. Für eine hoffnungsvolle, sichere, friedliche und gerechte Zukunft – Bismillah!