Der Lockduft der Sünde

Es gab diese eine Sünde; ich nahm mir vor, sie nicht mehr zu tun und schwor mir einen Eid.

Der erste Tag verging, mir war ganz angenehm.

Den zweiten und dritten Tag bezwang ich munter, micht zieht doch so eine Kleinigkeit nicht runter.

Der vierte Tag kitzelte mein Gelüst, am fünften nagte die greifbare Nähe an meiner Entschlossenheit, und am sechsten passierte etwas bisher außergewöhnliches: Ich träumte von der Sünde! Und wie ich von ihr träumte! In all ihren verlockenden Facetten.

Fortan wachte ich jede Nacht mit dem bitter-süßen Geschmack der Sünde auf, enthielt mich nur schwer von der Last der Begierde.

In der zwölften Nacht verschwomm die Illusion mit der Realität – tat ich es nun? Nein. Mein Eid hielt mich davon ab.

Am zwanzigsten Tag erinnert sich doch keiner mehr an die bitteren Worte der Absicht der Enthaltung, oder? Ich meine, ein kleines bisschen Sündigen kann doch nicht schaden, es würde meinen Trieb stillen, nicht? Es verhilft mir ganz bestimmt, in Zukunft besser durchzuhalten! – Aber nein, ich bin nicht so weit gekommen, um zu scheitern! Der Kampf mit meinem Ego geht weiter…

Am dreißigsten Tag kracht es: Mein Ego kämpft mit meinem Über-Ich, und der Konflikt scheint mich innerlich zu zerreißen, ich verliere das Gefühl der Kontrolle über mich selbst – doch eines gibt mir Kraft: Die Liebe.

Welche Liebe?

Die Liebe zu dem Einzigen, sowie zu dem Besten unter allen und zu der Besten unter vielen.

Es ist die Liebe zur Reinheit, die mich bewahrt.


 

rooms-by-the-seaK


Ein Jahr ist es her. Ob ich den Lockduft der Sünde noch verspüre? Das Abbild der illusionären Befriedigung (Da steckt nicht umsonst “Friede” drin!) ruft auch nach mir, doch ich weiß, dass es lediglich ein Trugbild des vielgesichtigen Teufels ist, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, uns in allerlei Abwege zu führen. Aber ich bin es, der entscheidet! Es ist mein Bewusstsein! Denn auch wenn ich gestern erst nachgab und sündigte, so bin ich heute voller Reue geweiht und damit rein, was diese Sünde betrifft. Denn wie sprach der Beste unter allen: “Allah nimmt die Reue des Sünders an, bis zu seinem letzten Atemzug.” (At-Tirmidhi, überliefert von Abu Abdur-Rahman Abdullah ibn Umar ibn al-Khattab (r))

Ein Gedanke zu „Der Lockduft der Sünde

  1. Mikail Kirschbananensaft

    Echt mitreißend geschrieben, so dass man behaupten könnte das ist jedem genau so schon passiert!

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