Der widersprüchliche Atatürk, oder: Wie man aus ihm Profit schlägt.

Mustafa_Kemal_Atatürk_(1936)
Er ist die eine umstrittene Person der Türkei, die einen sehr großen Einfluss auf ihre Gestaltung hatte und immernoch hat: Mustafa Kemal Atatürk.
Die einen vergöttern ihn wortwörtlich, die anderen verdammen ihn als einen tyrannischen Diktator.
Graustufen zwischendrin, die ihn kritisch bewerten und unvoreingenommen an sein Lebenswerk rangehen, findet man selten.
Ideologisch motivierte Personen sprechen von Mustafa Kemal Atatürk als dem Retter der Türkei, den sie, immer wenn sie es benötigen, aus ihrer Schublade hervorholen, um ihn für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen. Egal welcher Gesinnung. Folgend einige Beispiele:
Cumhuriyet_Halk_PartisiDie kemalistisch-elitistische CHP benutzt ihn als den revolutionären Gründer der modernen Türkei, einer demokratisch-laizistischen Republik, die sie in ihren Augen vor der religiösen Engstirnigkeit bewahrte.
Natürlich verdankt sie ihm auch die politische Vorherrschaft zu Zeiten der Einparteienherrschaft, ein mit ideologischen Funktionären besetztes Militär, das notfalls putschen konnte, eine finanzielle Absicherung in Form von der Is-Bankasi, und die totale kemalistische Indoktrination in allen Bereichen des öffentlichen Lebens und in der Schule in Form von Büsten, Märschen, Worten, Statuen,…


533px-MHP_flag.svgDie nationalistisch-extreme MHP benutzt ihn als nationalen Volkshelden, der heldenhaft für sein Land gekämpft hat und es von dem Einfluss der Briten, Griechen und auf der anderen Seite der Araber gerettet hat. Außerdem benutzt sie ihn als einen Führer mit eiserner Hand gegen Kurden und Aleviten, selbiges würden sie nämlich auch tun, wenn sie an der Macht wären. Wenn es ihnen passt, dann instrumentalisieren sie religiöse Argumente, und sonst instrumentalisieren sie den Nationalismus.

 
HDP_LogoDer politische Arm der PKK, die HDP, benutzt mancherorts Atatürk als den weltmännischen Versöhner der Türkei, der freiheitlich und religiös neutral war. Darüber hinaus wäre Atatürk ein vortrefflicher Sozialist gewesen, ein Grüner. Wenn er heute leben würde, so würde er seine Stimme der HDP geben, so manche.

Doch mehrheitlich benutzen sie ihn als ein Feindbild, der tyrannisch kurdische Aufstände im Osten der Türkei unterdrückte, Massaker an ihnen und den Aleviten verübte (Dersim-Massaker) und mit der Diskriminierung der Kurden begann (Türkisierungs- und Assimilationspolitik).


390px-AKP.svgDie konservativ-populistische AKP benutzt ihn als einen religiösen Menschen, der mit großer Vorsicht die Türkei modernisierte. Auf der anderen Seite instrumentalisieren sie seine autoritären Seiten, die sie vorgeblich ankreiden, um bei Kurden und religiösen Menschen zugleich zu punkten. Selbstverständlich wäre Mustafa Kemal Atatürk jetzt AKP-Abgeordneter, da er ja konservativ und progressiv zugleich war, genau wie der Anspruch der AKP – paradox?

 
Saadet_parti_amblemDie religiös-verblasste SP, die immer noch im Schatten des Ruhmes ihres Gründers Dr. Necmettin Erbakan ein tristes Dasein fristet, benutzt ihn als ein Feindbild, das das Osmanische Reich zerstört und das kulturelle Erbe vernichtet hat, nur um dann die Türkei nach seinem Gusto zu formen.

 
…um nur einige Beispiele aus der aktuellen politischen Palette der Türkei zu nennen.
Das Problem ist, dass man zu jedem Thema ein passendes Zitat von Atatürk findet. Egal was man aus ihm machen will, es ist möglich. Folgend, einige Zitate (*Anmerkung am Ende des Textes):
Ataturk-1930-amongpublic
War Atatürk religiös? Natürlich, denn er sagte doch, dass ein Volk, dass keine Religion hat dem Untergang geweiht wäre. Er sagte auch:
“Unsere Religion ist die vernünftigste und natürlichste Religion; darum ist sie auch die letzte Religion geworden.”
War Atatürk ein Islamfeind? Natürlich, denn er sagte doch:
“Der Islam gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Diese Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen, ist ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet.”
oder
“Eine solche Religion tauge allenfalls für verweichlichte Araber, aber nicht für siegesbewusste männliche Türken.”
War Atatürk ein Sozialist? Natürlich, denn er sagte doch:
“Ich möchte gerne einen sozialisitschen Staat gründen, nach dem Vorbild der Sowjetrepublik. Man könnte von einem Staatssozialismus sprechen.”
War Atatürk ein Nationalist? Natürlich, denn er sagte doch:
“Wie froh ist der, der sich Türke nennt.”
oder
“Völker ohne nationale Identität sind Freiwild für andere Staaten.”
War Atatürk pro-europäisch? Natürlich, denn er sagte doch:
“Es gibt verschiedene Kulturen, aber nur eine Zivilisation, die europäische.”
War Atatürk anti-europäisch? Natürlich, denn er sagte doch:
“Wir nehmen nicht den Imperialismus der europäischen Staaten als Vorbild, sondern den Fortschritt und die Weiterentwicklung.”
War Atatürk ein Feminist? Natürlich, denn er sagte doch:
“Alles, was wir auf der Welt sehen, ist das Werk der Frauen.”
War Atatürk ein Pazifist? Natürlich, denn er sagte doch:
” Solange nicht das Leben eines Volkes bedroht wird, ist Krieg immer Mord.”
War Atatürk ein Militarist? Natürlich, denn er sagte doch:
“Eine Revolution, die nicht auf dem Blut begründet ist, wird nie Bestand haben.”
oder
“Nicht durch demütiges Bitten, noch durch Berufung auf die Billigkeit oder das Mitleid sichert man die Würde und Unabhängigkeit einer Nation, sondern durch den Kampf! Mitleid und Billigkeit erbetteln ist kein Lebensprinzip.”
Diese Zitate und ihre Interpretation sind nicht die meinigen, sondern werden von jeweiligen Ideologen so verwendet.

Jeder macht aus Atatürk denjenigen, den er haben will, der seinen eigenen politischen Zielen nützlich ist. Das ist problematisch, denn entweder ist Atatürk eine durch und durch widersprüchliche, gar heuchlerische Person, oder sein Leben wurde noch nicht so gut ausgearbeitet, als dass man von klaren Linien sprechen könnte. Für die türkischen Ideologen: Es ist immer einfacher in Absolutem zu denken – in schwarz/weiß. Das ist leider Gottes, Tradition in der Türkei, deswegen haben wir fast durchgehend zwei Lager seit der Gründung der türkischen Republik in der Bevölkerung – diese Polarisierung ist nicht etwa neu, sie kam mit Mustafa Kemal Atatürk.Atatürk

Als ich 2011 in der Türkei die zehnte Klasse des Bahcelievler-Gymnasiums besuchte, hatten wir einen aktiven “Albay” (Oberst) als Lehrer der “Nationalen Sicherheitskunde”. Jede Woche unterrichtete er uns in den Gefahren, die die Türkei bedrohten, unter anderem der Islam, der die Türkei zu einem neuen Iran machen würde, und von den Verpflichtungen, die wir hätten, nämlich Atatürks Revolution und Ideologie aufrechzuerhalten, notfalls jedem zu Trotz.
Eines Tages fragte er die Klasse: “Ihr seid auf einem Schiff, das Schiff geht unter, und auf dem Schiff sind Muhammed [Anm. d. V.: Der Prophet des Islams, Friede sei mit Ihm] und Atatürk – wen rettet ihr? Ihr müsst euch für jemanden entscheiden.”

Ich dachte mir: was für eine blöde Frage! Also antwortete ich ihm so, wie er es nie erwartet hätte, und flog anschließend aus dem Unterricht. Es hatte sich aber gelohnt.

Nichtsdestotrotz war der Oberst bemüht uns zu indoktrinieren. Er veranlasste uns, unter der Drohung, sonst würden wir die Klasse nicht bestehen, zwei dicke Wälzer eines kemalistischen Autors und die ungekürzte Rede “Nutuk” (Die ununterbrochene Rede über einen ganzen Tag hinaus) von Atatürk zu lesen. Er forderte immerzu harte Disziplin, wir mussten unsere Krawatten immer bis zum Hals festgezogen haben und ihm im Stehen ansprechen, begegnen, begrüßen.

Natürlich funktionierte die Indoktrination – es kam keiner aus dem Schuljahr hervor, ohne Atatürk mehr als seinen eigenen Vater zu lieben. Das alles erinnerte mich an “Die Welle” von Morton Rhue, und ich spürte, wie es auch bei mir wirkte. Also begann ich mich selbstständig einzulesen. Seine Werke. Seine Taten. Die Geschichte. Biographien. Die kemalistischen Bücher. Sein Nutuk. Und vieles mehr. Das tat gut, denn ich konnte mir somit ein eigenes Urteil bilden. Mein Urteil über ihn ist irgendwo in der Mitte, zwischen Bewunderung und Befremdung – ich bevorzuge es, lieber eine Einzelmeinung zu haben, als blind einem populistischen Lager anzugehören. Ich bin gerne bereit zu erläutern, was ich gut finde und was ich schlecht finde an seinen Taten. Aber alles in allem muss man ihn einzeln in den Bereichen bewerten, in denen er eine Rolle spielte. War er ein guter Soldat, General, Politiker, Revolutionär, Staatsmann, Präsident, Denker, Mensch? Es gibt keine universelle Antwort, nur Teilantworten – und das ist bei jedem normalen Menschen so.

 

Ataturk_in_1923


Was deswegen in der Türkei und bei den Türken notwendig ist:

 

Eine endgültige nationale Abrechnung mit der historischen Person Atatürk, losgelöst von Emotionen – sachlich, basierend auf seinen Taten. Ein Ende des extremen Personenkults, der verfassungsrechtlich vorgeschrieben Zwangsliebe und auf der anderen Seite des extremen Hasses auf ihn, der Verteufelung.
Lasst den Menschen in seinem Grab liegen. Hört auf, ihn für eure Zwecke zu missbrauchen.
Lasst Mustafa Kemal, Mustafa Kemal sein. Und für den, der möchte, Mustafa Kemal Atatürk. Aber stoppt den Wahn um die Absolutheit, den Zwang ihn in eine von beiden Schubladen einordnen zu müssen. Das trennt die Türken seit 100 Jahren und wird es weitere 100 Jahre tun, wenn man dem Beharren auf extremen Positionen kein baldiges Ende gibt.

*Anmerkung: Bei den Zitaten wurden bewusst keine Quellen angegeben, weil diese Zitate von Ideologen genau so benutzt werden – ohne jeglichen Nachweis. Keiner weiß, was er wirklich gesagt hat, wofür er wirklich stand, aber trotzdem lässt sich für jede Position ein passendes Zitat auffinden. Die Authentizität der vorgeblichen Zitate Atatürks sollte man jedenfalls immer in Frage stellen.