Deutschland. Ein Wintermärchen

Heinrich Heine -Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831
Heinrich Heine -Gemälde von Moritz Daniel Oppenheim, 1831

„[…] je wichtiger ein Gegenstand ist, desto lustiger muß man ihn behandeln“
(Heinrich Heine, Reisebilder.)
Die ästhetische Aporie (eine Ausweglosigkeit) des politischen Dichters:
Er hofft auf Wirksamkeit, und er befürchtet, dass das allzu unbedachte und allzu undifferenzierte Wort handgreifliche Konsequenzen haben kann – deshalb benutzt er die Ironie.

 

Heine prophezeit (anlässlich der Bücherverbrennung beim Wartburgfest):
„dort wo man Bücher / Verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“
(Almansor, 1820)
[Die Verwirklichung dieser Prophezeiung in der NS-Zeit ist gespenstisch genug!]

 


Biographie Heinrich Heines


Wahrscheinlich am 13. Dezember 1797 als ältestes der vier Kinder des jüdischen Textilkaufmanns Samson Heine in Düsseldorf geboren.

Harry Heine besucht das Lyzeum (Hochschule) in Düsseldorf, dann die Handelsschule.
Doch erste Versuche in kaufmännischen Berufen scheitern.

1816 holt ihn der reiche Bankier-Onkel Salomon Heine nach Hamburg. Die Liebe zur Kusine Amalie wird zur schlimmen Enttäuschung, denn ein verarmter Verwandter kommt als Schwiegersohn nicht in Frage.

1819 Beginn seines vom Onkel finanzierten Jura Studiums in Bonn.

1820/21 studiert er in Göttingen weiter, dort wird er aus fadenscheinigen Gründen von der Studentenverbindung ausgeschlossen. Später wird er wegen eines Streits mit einem Kommilitonen und einer Duellforderung von der Universität gewiesen.

1824 nimmt er sein Studium in Göttingen wieder auf

Bei seinem Übertritt zum Christentum 1825, lässt er sich evangelisch taufen und wechselt seinen Namen zu Heinrich.
(Der preußische König Friedrich Wilhelm III. hatte verfügt, dass kein Jude ohne Taufe einen christlichen Namen annehmen konnte.)

Wenige Tage danach promoviert er zum Juris Doktor (Dr. jur.)

Es gelingt ihm nicht in Hamburg als Rechtsanwalt zugelassen zu werden.

In den Jahren 1825 bis 1831, die auch als Reisejahre bekannt sind, kann er sich eine Existenz als freier Schriftsteller aufbauen. Bekannte Werke dieser Zeit sind die „Reisebilder“ und seine populäre Gedichtsammlung „Buch der Lieder“ (1827).

Im Jahre 1831, als die Zensurmaßnahmen gegen seine Schriften deutlich verschärft werden, reist er nach Paris.
Trotz seiner neuen Heimat in Paris wechselt er nicht seine Nationalität und auch im Exil bezieht er sich immer auf sein deutsches Publikum.

Zuerst arbeitet er als Korrespondent für die Augsburger Allgemeine Zeitung. In drei größeren Schriften (Die Romantische Schule, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Elementargeister) versuchte er den Franzosen die Geschichte und Gegenwart Deutschlands näher zu bringen, um das bisher feindlich geprägte Bild zu ändern.

Im Winter 1843 kommt es zu engeren Kontakten zwischen Karl Marx und Heine, beides Exilanten.
1843 schreibt Heine das Versepos Atta Troll, ein Jahr später schreibt er nach der vorangegangenen Deutschlandreise: Deutschland. Ein Wintermärchen.

1845 verschlimmert sich seine unheilbare Krankheit (Heute schließt man von den Symptomen auf eine progressive Muskellähmung).

Im Jahre 1848 bricht Heine endgültig zusammen und kann dann bis zu seinem Tod am 17. Februar 1856 sein Bett nicht mehr verlassen.

Reich-Ranicki schrieb 1986 über Heine: „Ein Deutscher wollte er sein. Aber er scheint sehr schnell begriffen zu haben, dass man ihm dies nicht erlauben würde.“


Epoche und Entstehungsgeschichte


Wintermärchen: Durch Shakespeares The Winter’s Tale angeregt. Es wird auf Deutschlands „winterlichen Erstarrungsschlaf“ abgehoben, d.h. der Verlangsamungsprozess der Emanzipation und Reformbewegungen mit dem Einsetzen der Restauration (Seit 1814/15 Wiener Kongress) und der damit einhergehenden Abschaffung der neugewonnenen Rechte.

Der frische Wind der Freiheit erstickt in den reaktionären Bestrebungen der Restauration, der schon eingetretene „Frühling“ weicht einer neuen Frostperiode der Zensur, Unterdrückung, Verfolgung und Exilierung; der Traum von einem demokratischen Deutschland ist auf ein ganzes Jahrhundert hinaus ausgeträumt.

1830 Bürgerkönig in Frankreich

Zw. 1830 und dem Revolutionsjahr 1848 bildete sich die politisch engagierte Literatur des Vormärz.

Er gehörte zwar zum Vormärz, zählte sich selbst aber zur Romantik, da ihm die Vormärzler zu nationalistisch geprägt waren. Goethe war für ihn kein Gegner sondern ein Vorbild. Die Regierenden Preußens und Österreichs rechneten ihn dem Jungen Deutschland zu – deshalb auch die Zensur, vor allem aber auch weil er ein Jude war.

Seit 1831 lebte er in Paris.

1843 reiste Heine durch Nordwestdeutschland.

1844 entstand das große Poem Deutschland. Ein Wintermärchen.

Dieses Versepos ist Ausdruck der intensiven Beziehung des Exilschriftstellers zu Deutschland.


Figurenkonstellation und Charakteristik


Lyrisches Ich = Autor
Heinrich Heine identifiziert sich voll und ganz mit dem Dichter in dem Versepos.
Die Erfahrungen und Reflexionen während seiner winterlichen Reise durch Deutschland im Jahre 1843.
Einziger Unterschied = Reiseroute im Wintermärchen ist die Spiegelung der Realität, d.h es ist alles umgekehrt gg. Der realen Reise.

Das Harfenmädchen (Caput I)
Allegorie zu Mignon (das Zwitterwesen aus Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre), verkörpert die romantische Todes- und Entsagungsstimmung.
Das hier falsche Gefühle produziert werden kündigt sich an den falschen Tönen an, um das Volk einzulullen.

Der Schatten (Caput VI und VII)
In einer stillen Mondnacht trifft der reisende Schriftsteller auf eine Schattengestalt.
Pathetische Stimmung und emotionale Anspannung des Schriftstellers sind Lebenselixiere des Schattens. Der Schatten sei die Tat zu den Gedanken des Schriftstellers. Was dieser heiß gedacht und formuliert habe, das führe der Schatten unerbittlich aus.

Der Gekreuzigte (Caput XIII)
Im katholisch geprägten Paderborner Land sieht der Reisende frühmorgens ein Bild des Gekreuzigten am Wegrand. Für ihn steht Christus als Gescheiterter und immer wieder Scheiternder.

Barbarossa (Caput XIV-XVII)
Der Reisende träumt vom Kaiser Barbarossa, in welchem er nicht ehrwürdig wirkt.
Im Traum beginnt sich der Träumer mit dem ängstlichen Kaiser zu streiten.

Campe (Caput XXIII)
Der Dichter besucht in Hamburg seinen Verleger Campe. Dieser lädt ihn zu einem reichhaltigen Essen ein.

Hammonia (Caput XXIII-XXVI)
Die sog. „Göttin“ Hamburgs ist unter den Prostituierten auf der Drehbahn zu finden.


Stil und Struktur des Werkes


Vierzeilige Wintermärchenstrophe: Wechsel von vier und drei Hebungen gekennzeichnet

Männliche und weibliche Kadenz wechseln sich jeweils ab.
Männlich (Endet einsilbig auf eine Hebung)
Weiblich (Endet zweisilbig auf Hebung und Senkung) -> klopfen – tropfen

Unreine Reime

Das faszinierende an der Lektüre ist der Ton des Gedichtzyklus, welcher fast durchgehend von subjektiv-willkürlicher Ironie geprägt ist.

Aber das scheinbar Willkürliche ist genau komponiert und die Zufälligkeit ist bewusst und gewollt hergestellt.

Reiseereignisse, satirische Reflexionen, subjektive Überlegungen des Sprechers und politische Erwägungen lösen einander in rhythmischer Folge ab. (nach Fingerhut Bd. 2, 23)

Schichtung:

  • Reisesituation/Tätigkeiten/Vorkommnisse
  • Satire/Anspielungen
  • (Teils ironische) Reflexionen über Geschichte, Politik und Rolle der Literatur

Wechselspiel von Witz und Satire zu intensiven Überlegungen und Selbstreflexion.
Das Lesen bewegt sich zwischen entspanntem Amüsieren und intensiver Konzentration.

Das Werk besteht aus 27 Kapiteln, genannt Caput, mit über 500 Strophen á vier Verse.

Das Metrum besteht zumeist aus Jamben, doch es gibt des Öfteren Anapäste.

Zwischen Vers 2 und 4 besteht ein Kreuzreim und Vers 1 und 3 ist reimlos.


Inhalt


Nach einem Prosavorwort erzählt Heine in einem Versepos ( von seiner Reise in die deutsche Heimat. In 27 Kapiteln (Capita) geht es quer durch Nordwestdeutschland.

Im Vorwort erläutert Heine die Entstehungsbedingungen seines Wintermärchens.
Er spricht die Zensurbedingungen an
Seine Gegner, von welchen er als Franzosenfreund verteufelt und es ihm unterstellt wird, er wolle den deutschen Rhein an die Franzosen abtreten, spricht er direkt an und bezeugt seine Vaterlandsliebe:
„Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebenso sehr, wie ihr.“
Heine wünscht sich ein Großdeutschland wenn „wir“ Deutsche das vollenden, was „die Franzosen begonnen haben“ (Frz. Rev.)

Caput I erzählt vom Grenzübertritt.
Vom langen Exil wieder nach Deutschland. Es berührt ihn ein romantisches Lied in deutscher Sprache von einem kleinen Harfenmädchen, welches von „Liebesgram“ und „Aufopfrung“ „mit wahrem Gefühle/ Und falscher Stimme“ singt. Am Gesang stimmt etwas nicht -> Sie sollen das Volk vertrösten und einlullen, damit es sich nicht wehrt.
Immer muss bei Heine mit ironischer Brechung der Aussage gerechnet werden. Im ersten Caput ist es ziemlich deutlich, dass das lyrische Ich „ein neues Lied, ein bessres Lied“ anstimmt, in welchem ein sozialistisches Programm angesungen wird. Natürlich stellt das nicht die Meinung des Dichters dar!!

Caput II berichtet vom Grenzübertritt und den Zollkontrollen der preußischen Beamten.
Erneut Ironie Heines, in welchem er den Wunsch nach einer deutschen Einigung bloßstellt (Imperiale Gedanken).

Caput III führt ins langweilige Aachen mit dem toten Karl dem Großen.
Dort verspottet der Reisende u.a. die Uniformen des preuß. Militärs, vor allem die Pickelhaube eigne sich gut als Blitzableiter.

Caput IV – VIII spielen in Köln und drehen sich um die Baugeschichte des Doms und das Schicksal der dort aufgebahrten Heiligen Drei Könige.

Caput IX – XIII zeigen den Reisenden in Westfalen.
Westfälisches Essen wird – teilweise ironisch – gelobt.
Der dortige Teutoburger Wald lässt ihn daran denken, wie Deutschland wohl gewesen wäre, wenn es römisch geblieben wäre. Er finde et – voller Ironie – in Ordnung, das der Esel nicht asinus heißt.

Caput XII
Begegnung mit revolutionären Wölfen.
Kritik an deutschen Revolutionssängern (erneut voller Ironie)

Caput XIII
Begegnung mit Christus, sein „arme[r] Vetter“

Caput XIV-XVII
Barbarossa Traum des Reisenden.
In der Höhle des Kaisers informiert er ihn über die verschlafenen Jahre. Sie trennen sich jedoch im Ärger und Kaiser Rotbart unterstellt dem Besucher Hochverrat und Majestätsbeleidigung, daraufhin erwidert der Reisende: „So brauchen wir gar keinen Kaiser.“.

Caput XVIII
Reise nach Hamburg und Angsttraum als Prometheus.

Caput XX-XXVII spielen in Hamburg, wo der Reisende erst seine besorgte Mutter besucht.
Er redet mit ihr über Aktuelles und bedauert den Stadtbrand (Mai 1842) in Hamburg, jedoch wieder mit Ironie: „Troja war eine bessere Stadt / Und mußte doch verbrennen.“.
Außerdem besucht er seinen Verleger Campe.
Nach einer Nächtlichen Reise trifft er auf Hammonia „Hamburgs beschützende Göttin“.
Die Göttin kocht Tee und rät ihn in Deutschland zu bleiben.
Sie zeigt ihm ihr kostbarstes Erbstück: Den Nachtstuhl von Karl dem Großen.

Der Dichter soll seinen Kopf in die „Ründung“ im Sitz des Sessels stecken.
Dort erblickt er Deutschlands Zukunft, und beschreibt sie mit den Geruchswelten dieses ungeheuren Klostuhls. Der grässliche „deutsche Zukunftsduft“ raubt ihm die Besinnung.

Caput XXVII wirkt künstlich und warnt vor Strafmöglichkeiten die ein Dichter besitzt.
(Man sollte sich niemals mit einem Dichter anlegen)

Heine bezieht sich oft auf die griechische Mythologie:
C 1: Herakles Kampf gegen den Titanen
C 8: Äpfel der Atalante
C 13: Sisyphus -> Muss in der UW. Stein bergan wälzen -> fällt aber immer wieder runter
C 13: Danaiden -> Müssen durchlöchertes Fass mit Wasser füllen
C 18: Sage des Odysseus
C 23: Sage des Amphitryo

Bezug auf Goethes Werke

C 7: Anspielung auf den Erlkönig V.103 “Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.”


Bewertung


Die Problematik der Restauration nach dem Wiener Kongress 1814/15 unterdrückt neugewonnene Rechte wieder (erweiterte Freiheiten des Menschen bzw. der Presse). Heine kämpft u.a. gegen die Zensur und gegen das Preußische, welches für ihn gleichbedeutend mit Unterdrückung ist. Trotzdem ist er ein stolzer deutscher Staatsbürger und wechselt trotz der Unannehmlichkeiten nicht seine Nationalität, obwohl ihm die Möglichkeit in Frankreich gegeben wäre.

Das Werk ist durch die faszinierende ironische Art und die Persiflage (geistvolle Verspottung) der gesellschaftlich-politischen Missstände als ein absoluter Klassiker zu bezeichnen, der auch heute noch nichts seiner Aktualität eingebüßt hat.


Ein Auszug aus Deutschland. Ein Wintermärchen

Textstelle
Deutschland. Ein Wintermärchen
Caput XXVI
Verse 9-16 / 29-44 / 49-52 / 57-60
Seite 70-71 (Reclam)

Mein Vater war ein großer Monarch,
Carolus Magnus geheißen,
Er war noch mächt’ger und klüger sogar
Als Friedrich der Große von Preußen.

Der Stuhl ist zu Aachen, auf welchem er
Am Tage der Krönung ruhte;
Den Stuhl, worauf er saß in der Nacht,
Den erbte die Mutter, die gute.

[…]

Das ist ein Zauberkessel, worin
Die magischen Kräfte brauen,
Und steckst du in die Ründung den Kopf,
So wirst du die Zukunft schauen –

Die Zukunft Deutschlands erblickst du hier,
Gleich wogenden Phantasmen,
Doch schaudre nicht, wenn aus dem Wust
Aufsteigen die Miasmen!«

Sie sprach’s und lachte sonderbar,
Ich aber ließ mich nicht schrecken,
Neugierig eilte ich, den Kopf
In die furchtbare Ründung zu stecken.

Was ich gesehn, verrate ich nicht,
Ich habe zu schweigen versprochen,
Erlaubt ist mir zu sagen kaum,
O Gott! was ich gerochen! – – –

[…]

Entsetzlich waren die Düfte, o Gott!
Die sich nachher erhuben;
Es war, als fegte man den Mist
Aus sechsunddreißig Gruben. – – –

[…]

Doch dieser deutsche Zukunftsduft
Mocht alles überragen,
Was meine Nase je geahnt –
Ich konnt es nicht länger ertragen – – –

Erklärung

Die – – – sind von Heine gesetzte Zensurstriche, womit er die Zensurmethoden erneut anprangerte und die Wichtigkeit dieser Textstellen hervorhob.

[Nach einer Nächtlichen Reise trifft er auf Hammonia „Hamburgs beschützende Göttin“.
Die Göttin kocht Tee und rät ihn in Deutschland zu bleiben.
Sie zeigt ihm ihr kostbarstes Erbstück: Den Nachtstuhl von Karl dem Großen.