„Giselheer dem König“ – Dichterliebe zu Benn (ELS-Teil 5)

„Giselheer dem König“ von Else Lasker-Schüler

„Ich bin so allein
Fänd ich den Schatten
Eines süßen Herzens.

Oder mir Jemand
Einen Stern schenkte –

Immer fingen ihn
Die Engel auf
So hin und her.

Kann nicht beten
Vor Schluchzen.

Und fürchte mich
Vor der schwarzen Erde.
Wie soll ich fort?

Möchte in den Wolken
Begraben sein,
Überall wo Sonne wächst.

Liebe dich so!
Du mich auch?
Sag es doch – – –“

Quelle: Demski, Liebesgedichte, S. 91

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Die nächste, und für die Öffentlichkeit wahrscheinlich wichtigste Liebschaft ist die Else Lasker-Schülers mit dem deutschen Dichter Dr. Gottfried Benn. Selbst sieben Jahre nach ihrem Tod kann man den Einfluss Else Lasker-Schülers auf Gottfried Benn erkennen, wenn er von ihr als „[…] die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte.“[1] spricht. Gleich drei Gedichte auf einmal widmet die Poetin dem Geliebten unter den Pseudonymen „Giselheer dem Heiden“, „Giselheer dem Knaben“ und „Giselheer dem König“.

„Giselheer der Heide, der König, der Knabe: Er ist ein Produkt. Wie der Golem aus Lehm ist dieser aus Liebe gemacht und von der Dichtung beseelt. Der große, vor furchtbaren Irrtümern nicht gefeite Dichter Gottfried Benn wurde in seinen frühen Jahren von der Dichterin Else Lasker-Schüler auf einzigartige Weise zum Blühen gebracht.“[2] Gewiss ist mit der Wahl der Bezeichnung Gottfried Benns ein Bezug zum eigentlichen Namensgeber vorhanden, denn wie es scheint, hat die Poetin diesen Namen nicht willkürlich ausgesucht. „Mit dem Namen des jüngsten der drei Nibelungen-Helden wendet sich Lasker-Schüler dem 17 Jahre jüngeren Geliebten zu. Giselher (Giselheer), so kriegerisch er war, war aber doch der Lieblingsbruder Kriemhilds. Die Dichterin will im Geliebten nicht nur den kühnen >Recken< sehen. Das Jüdische, Orientalische trifft auf das Germanische, Deutsche, auf das Kriegerische, Männliche, um mit ihm zu spielen und es zugleich zu fordern.“[3]

Der Titel des Gedichts gibt uns Auskunft über die Zielperson: „Giselheer dem König“. Dieser erfuhr in seinem Rang, über die zwei vorausgegangenen Gedichte hinweg, eine stetige Entwicklung. Vom „Heiden“, über „Knaben“ zum „König“. Giselheer, also Gottfried Benn, erfährt gleich zu Beginn von ihrer Einsamkeit. Sie sei „[…] so allein“ (V.1). Diese Einsamkeit bezieht sich stark auf die gescheiterten Beziehungen zu Männern. „Andererseits: Das Zusammenleben mit einer wie ihr kann nicht gutgehen. Sie ist fünfundzwanzig, als sie 1894 den Arzt Jonathan Berthold Lasker heiratet. Fünf Jahre später wird ihr Sohn Paul geboren – dessen Vater nach ihren Angaben mal ein Grieche, mal ein spanischer oder sonst ein Prinz gewesen sein soll -, um die gleiche Zeit trifft sie Peter Hille, den sie weit über seinen frühen Tod im Jahr 1904 hinaus liebt. Aber schon 1903, ein halbes Jahr nach ihrer Scheidung von Lasker, heiratet sie Herwarth Walden. Von dem trennt sie sich sieben Jahre später.“[4] Aber sie gibt nicht auf: „Fänd ich den Schatten / Eines süßen Herzens“ (V.2f.) Obwohl Else Lasker-Schüler eine ziemlich eigenständige Frau war, scheint sie einen „Schatten“ (V.2) zu suchen, der ihr Schutz und Unterkunft bieten kann. Verarmt und immerzu auf der Flucht konnte sie sich keine Wohnung leisten.

Gottfried Benn beschrieb ihre problematische Situation wie folgt: „Es war 1912, als ich sie kennenlernte. […] Frau Else Lasker-Schüler wohnte damals in Hallensee in einem möblierten Zimmer, und seitdem, bis zu ihrem Tode, hat sie nie mehr eine eigene Wohnung gehabt, immer nur enge Kammern, vollgestopft mit Spielzeug, Puppen, Tieren, lauter Krimskrams.“[5] Oder sie wünscht sich, dass ihr jemand „Einen Stern schenkte –„ (V.4f.). Der Stern ist hierbei eine Allegorie für Anerkennung, Ruhm und Zuneigung der Gesellschaft. Ihren fantasievollen Werken wurde vergleichsmäßig wenig Aufmerksamkeit gezollt.

So erwartet sie von ihrem Gleichgesinnten Liebe und Anerkennung. Sie beschreibt ihr scheinbar ewiges Unglück so: “Immer fingen ihn / Die Engel auf / So hin und her.“ (V.6ff.). Der „Schatten des süßen Herzen“ gelangte nie in ihren Besitz, obwohl sie es so oft versuchte. Weiterhin klagt sie, dass sie „[…] nicht beten [kann] / Vor Schluchzen.“ (V.9f.). Dies ist die Klimax ihrer weinerlichen und depressiven Verse. Sie scheint aufgrund ihres schmerzlichen Schicksals sogar Angst vor dem Tod zu haben, wie in den darauffolgenden Versen erkenntlich wird: „Und fürchte mich / Vor der schwarzen Erde.“ (V.11f.) Die „schwarze Erde“ ist hierbei eine deutliche Metapher für den Tod. Sie ist anscheinend nicht bereit zu sterben, denn sie fragt sich: „Wie soll ich fort?“ (V.13). Wie könnte sie fortgehen, wo doch ihr Sohn Paul keine andere Familie außer seine Mutter hat? Wie könnte sie fortgehen, ohne die Liebe erlebt zu haben, von der sie ausgiebig und fantastisch in ihren Gedichten beschreibt? Wenn sie aber die erhoffte Liebe mit Gottfried Benn, ihrem Berufs- und Seelenverwandten, ausleben könnte, würde sie gleichzeitig einen Vater bzw. eine Bezugsperson für ihren Sohn Paul finden. Wenn sie sterben sollte, und dies ist, unabhängig von der Frage der Zeit, unausweichlich, so „Möchte [sie] in den Wolken / Begraben sein, / Überall wo Sonne wächst.“ (V.14ff.). Die Wolken, sinnbildlich für grenzenlose Freiheit, könnten eine Anspielung auf den Himmel sein, von wo sie alles und jeden überblicken kann. Wenn sie im Himmel „begraben“ wäre, würde sie die Möglichkeit haben, noch über Paul zu wachen, und im Scheine der Sonne Gedichte zu schreiben. Welcher Dichter träumt denn nicht von solch einem inspirierenden Ort, wie es die Wolken im Sonnenlicht darstellen? Allein die Ansicht des Sonnenaufgangs und der Abenddämmerung lässt das Herz eines Jeden schneller schlagen, so möge man sich dies über den Wolken vorstellen.

Sie hat ihre Ängste und bitteren Gefühle mit ihm geteilt, nun ist es Zeit für ein Eingeständnis, dem scheinbar einzigen Weg aus ihrer Misere; Sie gesteht ihm ihre Liebe: „Liebe dich so!“ (V.17) und will zugleich nicht alleine sein mit ihren Gefühlen. Sie möchte die Einsamkeit von der sie zuvor sprach ein für alle Mal hinter sich lassen, doch dazu braucht sie Gewissheit. Aus diesem Grund frägt sie ihn, ob er sie auch liebt (V.18). Eigentlich ist dies aber weniger eine Frage, denn eine Aufforderung. Sie ist sich sicher, sie weiß es, kann es nicht erwarten, dass er ihr auch seine Liebe zugesteht. Dies zeigt der letzte Vers deutlich: „Sag es doch! Ein Siedepunkt ist erreicht, so oder so muss jetzt etwas gesagt werden, das eine oder das andere.“[6] Die Sehnsucht nach der Nähe des Geliebten, seiner Liebe und Anerkennung bewegt Else Lasker-Schüler in „Giselheer dem König“ eine klare Aufforderung für den nächsten Schritt an Gottfried Benn auszusprechen. „Sie verabreden, ihre Zeitschriftenliebe um ein persönliches Treffen zu erweitern.“[7] Im September befinden sich beide auf der Insel Hiddensee in der Nordsee. Doch nichts verläuft so, wie Else Lasker-Schüler es sich erhofft hatte.

„Benn hat auf Hiddensee eine Frau gefunden, er wird sie bald heiraten. Eine Frau, die von Dichtung nichts weiß und wohl auch nichts von den Welten – auch den sexuellen –, aus denen er gerade kommt. Eine Frau, die keine Ansprüche an ihn stellt, und wenn doch – er gesteht sie ihr nicht zu. Vielleicht stellt er die Neue nur als eine Wand – eine Notwand – zwischen sie beide. Seltsam, wie sehr die Männern sich nach den Bürgerinnen sehnen, sobald sie die Dichterin kennen. Aber so leicht gibt sie nicht auf. Sie will kämpfen. Noch im September erfahren die Leser der Zeitschrift „Das neue Pathos“, wie es weitergegangen ist mit beiden. Schon der Titel des Gedichts lässt nichts Gutes ahnen. Er schickte „Drohungen“? Drohen kann sie auch […]“[8]

[1] Demski, E., Else Lasker-Schüler. Liebesgedichte, Frankfurt am Main 2002, S. 133.

[2] Ebd., S. 131

[3] Braungart, W., Höre! – Fühlst du nicht?, in B. Lermen (Hg.), Interpretationen. Gedichte von Else Lasker-Schüler, Stuttgart 2010, S. 105

[4] Demski, Liebesgedichte, S. 130

[5] Demski, Liebesgedichte, S. 132

[6] Decker, Mein Herz, S. 234

[7] Ebd., S. 234

[8] Ebd., S. 236