„Höre!“ – Kampf um Benn (ELS-Teil 6)

„Höre!“ von Else Lasker-Schüler

„Ich raube in den Nächten
Die Rosen deines Mundes,
Daß keine Weibin Trinken findet.

Die dich umarmt,
Stiehlt mir von meinen Schauern,
Die ich um deine Glieder malte.

Ich bin dein Wegrand.
Die dich streift,
Stürzt ab.

Fühlst du mein Lebtum
Überall
Wie ferner Saum?“

Quelle: Decker, Mein Herz, S. 235

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Else Lasker-Schüler weiß, wie sie Gottfried Benn eine passende Botschaft übermitteln kann, die ihn auch trifft. Gedichte waren schon immer Werkzeuge und Ergebnisse der Emotionalität des Menschen. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob man es für das liebevolle Umgarnen eines Menschen benutzt, oder ob es dem empörten und enttäuschten Ton weicht, mit dem man das Gegenüber verletzen möchte. So nämlich wirkt das Gedicht „Höre“ von Else Lasker-Schüler, welches eine Drohung an Gottfried Benn darstellt. Er soll genau zuhören, was sie zu sagen hat, denn es wird ernst.

„“Höre!“ – Vernimm; lass dir sagen: Völlig unmissverständlich verlangt dieses Gedicht die ganze Aufmerksamkeit des Angesprochenen; er soll diesem „An-Spruch“ folgen. Es ist ein gerichtetes Gedicht.“[1] Heimtückisch wird sie ihn in den Nächten besuchen (V.1), um ihm „Die Rosen […] [seines] Mundes“ (V.2) zu rauben, „Daß keine Weibin Trinken findet.“ (V.3). „Die „Rosen deines Mundes“ sind eine doppeldeutige Metapher für dieses grundlegende Ineins von Liebe und Lied, Liebe und Schönheit, Leben und Poesie. Die Rose ist traditionell nicht nur ein Liebessymbol […] Sie ist auch ein Zeichen der für sich selbst vollkommen gütligen Schönheit, für das künstlerische Zeichen, das nichts will. Blumen des Mundes sind seit der Antike eine Metapher für rhetorische und poetische Kunst.“[2]

Keine Frau, hier als „Webin[nen]“ beschrieben, könnte dann noch in sein Herz finden, die Küsse mit ihm auskosten und leidenschaftliche Liebe mit ihm erleben. Außerdem wäre er selbst dann der Poetischen Kunst beraubt und könnte keine kreativen Gedichte mehr entwerfen. Die Bezeichnung „Weibin[nen]“ ist eine offen-sichtliche Degradierung der Mitanwärterinnen Else Lasker-Schülers um Gottfried Benn, so ist dieses Wort aktuell eine abwertende Bezeichnung für eine Frau. Der Neologismus „Weibin“ „[…] ermöglicht zudem, dass das gleichmäßige alternierende Metrum mit jeweils weiblicher Kadenz […] durchgehalten werden kann.“[3].„Jede Frau, die künftig zu Giselheer kommen wird, wird von diesem einen liebes- und poesie-räuberischen >Weib< abhängen. Es kann für ihn nie mehr ein wirklich anderes, diesem einen >Weib< gegenüber freies >Weib< geben, nicht in der Liebe und nicht in der Poesie.“[4] Diejenige, die sich nun jedoch Gottfried Benn annähert, ihn umarmt, gar mit ihm schläft, sei ein Dieb ihrer „Schauer“ (V.5), die sie um seine „[…] Glieder malte.“ (V.6). „Man darf bei den „um deine Glieder“ gemalten „Schauern“ die Kunst mitdenken wie schon bei den „Rosen deines Mundes“. Das >Weib< kennt die Liebes-Lebens-Kunst. Es kann keine eigenen, neuen Liebes-„Schauer“ mehr geben, nie mehr.“[5] Der Grund?

„Ich bin dein Wegrand.“ (V.7). Der Wegrand begrenzt den Weg, schränkt ihn ein; Dieser kann nicht darüber hinaus expandieren. Gleichzeitig ist dieser Wegrand eine Umzäunung für jede „Weibin“, die sich in dieses Territorium wagt, d.h. Gottfried Benn soll ein „Terra nullius“ für jede andere Frau darstellen. Falls sich doch einmal eine „Weibin“ hierher verirren sollte, so „Stürzt [sie] ab.“ (V.8f.). „„Höre!“ Nicht auszuschließen, dass das >Weib< mit dieser Drohung – „Die dich streift, / Stürzt ab.“ – auch sich selbst meint: Sie stürzt sich in diese Liebe und stürzt in ihr ab, weil sie sich auch ihrerseits durch den >Weg< definieren lässt. Mit ihrem Anspruch, „Wegrand“ zu sein, riskiert sie die ganze Existenz, ähnlich, wie jene Nächte des Liebes-Raubes unwiederholbar sind, durch keine >Weibin<, womöglich nicht einmal durch >das Weib< selbst.“[6]

Der Usus von einsilbigen Wörtern, mit Ausnahme von dem Begriff „Wegrand“, verändert das metrische Schema und den Rhythmus in dieser Strophe (V.7ff.) komplett. Sie hat die Gestalt einer Antiklimax; die Wörter werden kürzer, die Verse werden kleiner.

Abschließend frägt Else Lasker-Schüler, ob er sie überhaupt vergessen kann, ihre Wirkung verleugnen und ihr Dasein bestreiten kann: „Fühlst du mein Lebtum / Überall / Wie ferner Saum?“ (V.10ff.). „Das Deutsche kann Kollektiva mit dem Suffix >-tum< bilden, wenn eine Ganzheit, eine Menge aller bezeichnet sein soll.“[7], d.h. sie kreiert erneut ein deutsches Wort nach ihrem Belieben, um damit die Menge ihrer Erlebnisse, Gefühle und Erinnerungen zusammenzufassen und ihm hiermit aufzuzeigen, dass er ihre Erfahrungen, ihr Leben kaum bzw. gar nicht kennt, aber trotzdem solch eine endgültige Entscheidung trifft, eine andere Frau Else Lasker-Schüler vorzuziehen. Man kann es sich geradezu bildlich vorstellen, wie die Poetin vor ihm steht, mit erhobenem Kopf und breitem Stand, und ihm ruhig erklärt: „“Mein Lebtum“ ist für dich, Giselheer, nicht zu fassen, nicht zu überblicken, gar zu begreifen. Es ist für dich, wenn überhaupt, höchstens zu fühlen „[w]ie ein ferner Saum“.“[8].

Sie stellt seine Entscheidung infrage, die „Weibin“ ihr vorzuziehen. Allgegenwärtig und „Überall“ (V.11) soll es ihm nun klar sein, dass er einen irreversiblen Fehler begangen hat. War es das?

Ja, er hat ihre Präsenz immerzu gefühlt; dies geht aus seiner Gedenkrede aus dem Jahr 1952 hervor: „Dieses Lebtum als fernen Saum habe ich immer gefühlt, alle Jahre, bei aller Verschiedenheit der Lebenswege und Lebensirrungen“[9]. Trotz ihrer Differenzen und dem „Gedichtkonflikt“ schienen beide einander zugeneigt zu sein, denn „[w]er über Else Lasker-Schüler und Gottfried Benn spricht, betont fast immer ihre Grundverschiedenheit, ihr großes Anderssein. Das Gegenteil ist wahr. Seele erkennt Seele […] Benn ist längst der Einzige, dem sie zugesteht, dass er auch dichten kann […] Benn kennt wie sie diese Zustände, wo jedes Ich aufhört – eine Grunderfahrung des Dichtens.“[10]. Diese unerfüllte Dichterliebe wird der Nachwelt immer im Bewusstsein bleiben.

[1] Braungart, Höre!, S. 99

[2] Ebd., S. 107

[3] Ebd., S. 107

[4] Ebd., S. 106f.

[5] Ebd., S. 108

[6] Ebd.

[7] Ebd., S. 108

[8] Ebd., S. 109

[9] Ebd., S. 111; vgl. dazu ausführlich Gottfried Benn, Sämtliche Werke, Stuttgarter Ausgabe, Bd. 6, Stuttgart 1986, S. 57

[10] Decker, Mein Herz, S. 238