Istanbul-Journal — Tag 4-6 — Die Verschwörungstheorien

„Erdogan hat die Terroranschläge inszeniert, damit die AKP bei der nächsten Wahl wieder die absolute Mehrheit gewinnt.“, „Erdogan bombardiert die Kurden, damit kein unabhängiger Kurdenstaat entsteht.“ oder „Erdogan versucht die Kurdenpartei HDP damit zu vernichten, indem er ihr Verbindungen mit der terroristischen PKK vorwirft.“.

Diese und viele andere Verschwörungstheorien kursieren in der medialen Landschaft Europas, wenn es um die aktuellen Ereignisse in der Türkei geht. Diese Verschwörungstheorien werden nicht nur von politischen Extremisten der Linken verbreitet, sondern auch von seriösen Zeitungen, sowie von europäischen Politikern seriöser Parteien. Das ist erschreckend und peinlich zugleich, vor allem wenn man bedenkt, dass wir in Europa schon viel weiter seien sollten was die Verbreitung von Verschwörungstheorien angeht – denn sind wir nicht diejenigen, die – zumeist zurecht – regelmäßig Teile der arabischen Welt für dieses verantwortungslose Verhalten kritisieren?


Schauen wir uns diese Aussagen nochmal genauer an:

„Erdogan hat die Terroranschläge inszeniert, damit die AKP bei der nächsten Wahl wieder die absolute Mehrheit gewinnt.“

Für die Anschläge in Suruc hat die ISIS die Verantwortung übernommen.

Für die Morde an zwei schlafenden Polizisten und einen Soldaten, der sich gerade außerdienstlich in der Bank befand, dort Geld abheben wollte und dabei mit seinem Vater telefonierte, und vielen weiteren Polizisten und Soldaten, sowie unschuldigen Menschen, die auf der Straße liefen, und deren einziges Vergehen es war, dass sie „islamisch“ aussahen, daher „wahrscheinlich der ISIS angehören“, hat die PKK und die DHKP-C die Verantwortung übernommen.

Inszenierung? Geschmacklos.


 

„Erdogan bombardiert die Kurden, damit kein unabhängiger Kurdenstaat entsteht.“

Erdogan. Kritik an ihm und seiner Art ist durchaus angebracht!

Man mag nicht viel von seiner Art halten, aber das ist ein Problem auf persönlicher Ebene, das sollte hier eigentlich nicht das Thema sein.

Die Türkei, all ihre Aktionen und Organe, mit Erdogan gleichzusetzen, ist jedoch mindestens unwissend – da viele in der Türkei und auch im türkischen Staat diesen kritisch beurteilen – oder gar wissentlich böswillig, denn wenn man den ganzen Staat auf eine Person reduziert, kann man die eine Seite mit den Aktionen und der Antipathie für die eine Person gleichsetzend denunzieren und diffamieren. Das macht das ganze Spiel leichter, denn jetzt heißt der Kampf nur „Erdogan gegen die Kurden“, wobei es in dem Konflikt eigentlich um den Kampf gegen den Terrorismus der Türkei gegen die Terrororganisationen PKK, DHKP-C und ISIS geht.

Die Türkei hat während und vor der Schlacht um Kobanî die Peshmerga ausgebildet, logistisch, finanziell und mit Waffen unterstützt, unzählige vertriebene Kurden in der Türkei aufgenommen (es gibt weit mehr als 2.000.000 Flüchtlinge in der Türkei!). Die Peshmerga besteht aus Kurden, sie ist die reguläre Armee des nordirakischen Kurdistans, also eines de facto unabhängigen Kurdenstaats. Die Türkei unterhält mit Mesud Barzani, der Peshmerga und mit dem Kurdenstaat sehr gute wirtschaftliche, politische und auch gute militärische Beziehungen.
Außerdem existieren konsularische Verbindungen mit dem
unabhängigen Kurdistan.

Die Türkei ist also nicht gegen „die“ Kurden als Volk und nicht gegen einen Kurdenstaat, sondern gegen die Terrororganisationen PKK, DHKP-C und ISIS, die mit menschenverachtendem Terrorismus und mit mörderischer Tyrannei auffällig sind.


 

„Erdogan versucht die Kurdenpartei HDP damit zu vernichten, indem er ihr Verbindungen mit der terroristischen PKK vorwirft.“

Die Vorsitzende Figen Yüksekdag machte öffentlich kund, dass die HDP ihren Rücken an die PKK und die YPG anlehnt, also dass sie von diesen abhängig sind und ohne sie würden sie wie ein Kartenhaus einstürzen.

Der Vorsitzende Selahattin Demirtas machte öffentlich kund, dass sich das Volk selbst gegen die Terroristen wehren sollte und eigene Sicherheitsvorkehrungen treffen müsse – klare Aufforderung zur Selbstjustiz?

Dieser Vorsitzende war es auch, der versprach, dass er, falls er gewählt werden würde, er eine Statue zu Ehren des zur lebenslänglichen Haft verurteilten PKK-Anführers, „dem Kurdenanführer Abdullah Öcalan“, in den Städten errichten werde. Vergleichbar dazu wäre es, wenn ein gewählter Politiker in der USA eine Statue zu Ehren von Osama Bin Laden fordern würde – die Brutalität und die Morde der PKK messen sich selbst mit der der Terrororganisation Al-Qaida. Der Terrorführer Öcalan ist kein Deut besser als Bin Laden oder co.

Die HDP ist es, die die PKK nicht eindeutig und offenkundig als Terrororganisation einstuft.

Der Hakkari-Abgeordnete der HDP sagte, dass die PKK eine Organisation des Friedens wäre, die die Türkei in einen friedlichen Rosengarten verwandeln möchte, und wenn die „Pe-Ke-Ke“ es wollte, würde sie die Türkei mit „ihrer Spucke ertrinken lassen.“. Damit verhöhnen diese Politiker die ermordeten Zivilisten, die gemeuchelten Polizisten und Soldaten der Türkei, die wegen der Willkür einer Terrororganisation sterben mussten – von den zehntausenden Opfern zuvor abgesehen, den unzähligen Entführungen, Bedrohungen, Erpressungen, Schutzgelderpressungen, Zwangsrekrutierung und vielem mehr.

Die HDP ist es, die enge Beziehungen zur Terrororganisation hegt und letztlich in vielerlei Hinsicht nichts anderes als deren politischer Arm ist – leider. Die Hoffnung war zu Beginn sehr groß, dass die HDP eine legitime Vertretung des medianen Kurden ist. Diese Hoffnung ist nun leider tot und ist der Angst und Trauer gewichen.