Liebeslyrik Else Lasker-Schüler – eine Einführung (ELS-Teil 1)

Sie wird geliebt, sie wird gehasst, und doch wird sie nur von Wenigen verstanden – Else Lasker-Schüler, eine Dichterin des Expressionismus, scheint mit ihrem Verständnis von Liebe ihrer Zeit voraus. Die jüdische Lyrikerin verfasste ebenso Dramen und Prosa, aber die Nachwelt wird sie vor allem an ihren Gedichten messen, und sie dafür lieben, oder hassen.

Die Liebe ist etwas Subjektives, dennoch finden sich meist Gemeinsamkeiten in den Gedichten der verschiedenen Poeten, so spricht ein Teil von ihr als das schönste Gefühl auf Erden, und die Anderen, deren Liebe meist unerwidert blieb, sprechen von unerfüllter, grausamer Liebe; die Ähnlichkeiten in den Texten der zwei Gruppierungen sind kaum zu übersehen. Es gibt jedoch eine Dichterin, die sich schwer in diese Kategorien einordnen lässt. Ihre Liebesgedichte unterscheiden sich sehr stark von den Werken ihrer lyrischen Vorgänger. Es gab mitunter Poeten, die irreale Begebenheiten kreierten, um dort mit ihren Geliebten zu leben und zu lieben. Diese waren jedoch ziemlich realitätsnah, so traf man sich im Traum mit der Geliebten, oder man flüchtete mit ihr in ferne Ortschaften. Else Lasker-Schüler revolutionierte dieses Genre komplett.

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Sie erschuf eine Utopie, das Orientreich Theben, welches auf dem historischen ägyptischen Theben basiert, dessen Herrscher sie selbst war.
Ihre Person war zuvor nie im Orient, vielleicht ist dies auch der Grund, warum sie gerade diesen als Leitmotiv in ihren Gedichten nimmt, denn die Armut und der Aufruhr, die im 20. Jahrhundert im Orient herrschten, zeichnete ein ganz anderes Bild von diesem einst so mystischem Ort. Der Glanz des exotischen Orients, wie man sich ihn in Deutschland zu der Zeit vorstellte, lässt sich zauberhaft in den Werken Else Lasker-Schülers wiederfinden. Ihre tatsächlichen Geliebten im-portierte sie in ihre Traumwelt, gab ihnen Fantasienamen wie „Abdul“ oder „Alcibiades de Rouan“ und schrieb extravagante Gedichte, in welchen sie manchmal leidenschaftlich, und manchmal emotional ihre Liebschaften beschrieb.

Wahrscheinlich brauchte sie auch eine Fantasiewelt, da die Welt, in welcher sie lebte, kaum liebenswert war. Schicksalsschläge, Verfolgung, Hass und Antisemitismus waren in ihrer Zeit so präsent, wie niemals zuvor. Sie zieht von Land zu Land und überlebt den zweiten Weltkrieg bis 1945, dabei hört sie nie auf zu schreiben.

Sie verarbeitet ihre Erlebnisse in ihren Gedichten und flüchtet sich gedanklich nach Theben, wo sie glücklich sein kann mit Menschen, die ihr etwas bedeuten. Auch wird sie dort keiner stören können, denn sie stellt die Regeln auf und entscheidet, wer es wert ist, in ihrer Welt aufgenommen zu werden. Wie fremd auch ihre Welt gewesen sein mag, als so beliebt und kunstvoll wurde sie von Literaturkennern angesehen. So „[…] erhielt sie [1932] den Kleistpreis, wie die Urkunde sagt, für die «überzeitlichen Werte» ihrer Dichtungen, in denen «sich viele Verse finden, die den endgültigen Schöpfungen unserer größten deutschen Meister ebenbürtig sind».“[1]. Eine umstrittene, aber äußerst kreative Dichterin, welche anders liebt und schreibt, als wir es gewohnt sind.

[1] Pinthus, K., Menschheitsdämmerung. Ein Dokument des Expressionismus, Berlin 1920, S. 352