Madinah: Die Quelle der Barmherzigkeit (Umrah-Journal-Teil 1/2)

Madinah: Die Quelle der Barmherzigkeit

  1. Der erste Besuch des Propheten

 

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Die Grüne Kuppel, unter welcher das edelste der Geschöpfe Gottes ﷺ ruht

 

Scham. Es ist Scham, die mich davon abhält, den Propheten ﷺ sofort zu besuchen. Und es ist Scham, die mich an seiner Ruhestätte nicht ewig verweilen lässt, so wie es das Herz von einem möchte. Doch es ist eine paradoxe Situation: Jedes Atom meines Körpers sträubt sich dagegen von dieser unvergleichlichen Quelle der Barmherzigkeit wegzugehen, nachdem meine gesamte Existenz den Geschmack der Gegenwart des wundervollsten Geschöpf Gottes, des edelsten Gesandten Gottes und den barmherzigsten aller Menschen ﷺ vernommen hat.

Du warst es, oh unser gütiger Herr, der uns sagte:

„[…] Wenn sie, nachdem sie sich selbst Unrecht getan hatten, ihre Untat erkannt, dich [oh Muhammad] aufgesucht und Gott um Vergebung angefleht hätten, und der Gesandte hätte für sie um Verzeihung gebeten, dann hätten sie Gott voller Vergebung und Barmherzigkeit gefunden.“ (Surat an-Nisa 4, Vers 64)

So kommen wir nun zu deinem Gesandten ﷺ, flehen dich um Vergebung an und bitten deinen edlen Diener ﷺ darum, auch für uns um Verzeihung zu beten.

Kaum mache ich einen Schritt in Richtung des Ausgangs, so muss ich gleich stoppen, denn ich kann nicht weitergehen, ich habe Angst, dass ich nicht mehr wieder die Ehre haben werde, hierher zu kommen, zum Propheten ﷺ. Etwas zieht mich wieder zum Propheten ﷺ. Ich möchte nicht von dort weg, der Gesandte Gottes ﷺ ist gleich einem Magnet des Herzens. Kaum halte ich inne, um etwas länger in dem Moment der friedvollen Glückseligkeit zu verweilen, so zwingt mich die Scham weiterzugehen, den Millionen anderen Liebenden des Propheten ﷺ Platz zu machen, auf dass sie die gleiche Intensität an Barmherzigkeit spüren können. Ich habe es in den ganzen Minuten – die mir vorkamen wie einige wenige Sekunden – welche ich vor dem Propheten ﷺ verbracht habe, nicht geschafft, den Gesandten Gottes ﷺ zu begrüßen. Denn erneut denke ich mir: Bin ich es würdig, den Gruß des wertvollsten Geschöpfes Gottes ﷺ entgegenzunehmen? Aber dennoch, ich will mit dem Gesandten Gottes ﷺ sprechen, ihm alles erzählen, die Lage der Menschheit, seiner Gemeinschaft und die Hoffnungen, die wir alle in uns tragen und über die Verzweiflung, die sich in der Menschheit aufgrund von Ungerechtigkeiten verbreitet. Ich will ihm davon berichten, was Tyrannen seinen Ländern anrichten und wie sie seiner Botschaft überhaupt nicht gerecht werden. All das, was du an Ungerechtigkeiten in der Welt aufgehoben hast, oh du edler Gesandter Gottes ﷺ, das haben diese Unterdrücker wiederaufgebaut.

Genau in so einer scheinbar hoffnungslosen Zeit brauchen wir dich, oh Prophet Gottes ﷺ! Wir vermissen dich und wir wünschen uns, dass du uns in unseren Träumen besuchst, auf dass wir wenigstens ein einziges Mal in dein wunderschönes Gesicht blicken können, deinen Duft vernehmen können und deine edlen Füße küssen können.

Wir brauchen dich, oh gütiger Gesandter Gottes ﷺ, wie sollen wir um Vergebung bitten, während wir uns machtlos fühlen gegen die Unterdrückung der Menschen in deinen Ländereien vorzugehen?

Langsam erreiche ich die Ruhestätte des geehrten Gefährten des Gesandten Gottes ﷺ, der verdient den Platz neben dir, dem besten Geschöpf Gottes ﷺ eingenommen hat. Er war es, der bereit war, sein Leben für deines ﷺ zu opfern, damals, als er als einer von zweien in der Höhle dich begleitete. Er war es, zu dem du ﷺ sagtest: “Sei nicht traurig! Gott ist mit uns.” Er war es, auf den Allah innere Ruhe herabsandte. Er war es, den Allah mit unsichtbaren Kräften stärkte.

Seinen Namen spreche ich voller Ehrerbietung aus: Sayyiduna und Amir al-Muminin Abu Bakr as-Siddiq رضى الله عنه.

Ich möchte die Hand zum Gruße heben und spreche den Friedensgruß, mit dem ich den rechtmäßigen und geeignetsten für das Amt des Khalifen begrüße. Ach wie sehr wünschen wir uns dich und deine Weisheit zurück, deine Leidenschaft und Aufrichtigkeit in jedem Bereich deines Lebens, der dir von dem Propheten ﷺ den Beinamen As-Siddiq, also „der Wahrhafte“, einbrachte.

Oh Allah! Gib uns die Liebe zu deinem Gesandten ﷺ so, wie Abu Bakr as-Siddiq ihn geliebt hat.

Die Menschenmenge hinter mir läuft weiter und drängt danach, zum Propheten ﷺ und zu seinen edlen Gefährten zu kommen. So komme ich zuletzt zu meinem großen Vorbild nach dem Propheten ﷺ, Umar ibn al-Khattab, dem du, oh Gesandter Allahs ﷺ, nachdem er den Islam annahm, den Beinamen „al-Faruq“ gabst, also „der Unterscheider zwischen der Wahrheit und der Falschheit“ رضى الله عنه.

Oh Umar! Wahrlich, ich liebe dich für Allah, mehr als ich meinen eigenen Vater liebe. Du warst der Gerechte, der große Freund des Propheten ﷺ, der über dich sagte: „Wenn es einen Propheten nach mir geben würde, so wäre dieser Umar.“ (Tirmidhi, Menakib 48).

Wahrlich Umar, dich lieben wir und sehnen uns nach deiner Gerechtigkeit, denn du warst es, der ohne sündenfrei zu sein, die Gerechtigkeit etablierte und dessen Licht erstrahlen ließ. Du prägtest den Leitgedanken: „Die Gerechtigkeit ist das Fundament der Herrschaft.“ – und genau nach diesem Leitgedanken suchen wir heute sehnsüchtigst. Ist die Gerechtigkeit mit dir gestorben, oh Umar?

Ich weigere mich die Hoffnung aufzugeben und wünsche mir von Allah, dass er uns so gerecht mache wie Umar, so fromm und so aufrichtig wie der zweite Khalif der Muslime, der Anführer der Gläubigen.

Langsam werden die Menschenmassen hinter mir ungeduldig, sodass ich gezwungenermaßen einen Fuß nach dem nächsten in Richtung Ausgang setze.

Doch bevor ich diesen Ort des Friedens und die Quelle der Barmherzigkeit verlasse, möchte ich Allah dafür danken, dass er mir diese Ehre zuteilwerden ließ, den edelsten aller Menschen und zwei seiner edlen Gefährten zu besuchen. Allen voran möchte ich Allah dafür danken, dass er mich rechtgeleitet hat und mir ermöglicht hat, auf den Fußstapfen des Propheten ﷺ zu wandeln und seine Stadt Madinah zu besuchen. Ich stelle mich zum Gebet auf und werfe meine Hände symbolisch nach Hinten zum Takbir, womit ich die Außenwelt vollständig ausblende und mich nur noch auf Allah, den Allerbarmer und den Barmherzigen konzentriere. Ich bete zu Allah bei seinem geliebten Geschöpf! Was für ein wundervolles Gefühl, das nur derjenige kennt, der ebendort beten konnte. Hier spürt man die Barmherzigkeit Allahs so deutlich wie nirgendwo sonst im Universum, denn der Gesandte Gottes, unser edler Meister Muhammad ﷺ ist das wertvollste Geschöpf Gottes – und da das Paradies auch nur ein Geschöpf Gottes ist, so ist sogar der Prophet ﷺ wertvoller als das Paradies, das der Ausgang der Gläubigen seien wird.

Trotz der vielen Tränen und des Schluchzens, die einen aufgrund der Erkenntnis ereilen, dass man an allen Orten außerhalb Madinahs so sehr von dem Sinn des Lebens und von der Ausrichtung der eigenen Existenz abgelenkt ist, sowie dass man das Leben des Gesandten Gottes ﷺ und seine Lehre kaum in der Welt wiederfindet, außer in seiner Stadt, ist man erfüllt von Glückseligkeit, wenn man den Propheten ﷺ besucht hat. Und jeder Besuch muss ein Ende haben. Unter Tränen beende ich mein Dankesgebet und verlasse die faszinierende Prophetenmoschee.

Doch ich werde wiederkommen, oh Gesandter Gottes ﷺ, inschallah!

  1. Der Besuch der Rawda
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Ein Ausspruch des Propheten ﷺ bei seiner Rawda

 

Heute konnte ich mit Allahs Erlaubnis die Rawda besuchen. Es wird überliefert, dass der Prophet ﷺ sagte: „Was zwischen meinem Haus und meinem Podest ist, ist ein Garten von den Gärten des Paradieses.“ (Al-Bukhari und Muslim).

Ich hatte die unverdiente Ehre meinen Kopf auf die Stelle zu legen, an welcher die edlen Füße des Propheten Muhammad ﷺ zum Gebet standen. Stundenlang hatte ich mich angestellt und auf diesen einen Moment gewartet – und welch große Ehrerweisung Allahs, dass er mich angenommen hat. Jeder Muslim will zur Umrah, doch nur dann kann man die Reise tatsächlich antreten, wenn man von Allah eingeladen wird, diesen gesegneten Ort zu besuchen. Madinah – die Haupstadt der Muslime ist der Ruhepol des Universums, in welchem das edelste aller Geschöpfe Allahs anwesend ist: Sayyiduna Muhammad ﷺ. Sobald man diese gesegnete Stadt betritt, spürt man eine einzigartige und unvergleichbare Barmherzigkeit, Ruhe findet sofort Einkehr in unseren verstaubten Herzen, denn ein helles Licht umgibt die ganze Region. Ein helles Licht, das nicht nur materiell erstrahlt, und damit für eine großzügige Versorgung mit allerlei Früchten aus allen Ecken der Welt sorgt, sondern ein umso helleres Licht spirituell-immaterieller Natur, das dem Herzen ein Zuhause bietet und es nährt.

Unser Herr beschreibt seinen Liebling als „einen Zeugen“, „den Bringer froher Botschaft“ und als ein „Warner“ sowie „Ausrufer zu Allah“ (Surat al-Ahzab 33, Vers 45). Darüber hinaus beschreibt Allah seinen edlen Propheten ﷺ als „siradschan-munir“, d.h. ungefähr „Lichtspendende Leuchte“. Diese beiden Worte werden im Qur’an auch andernorts genannt: In Furqan 61, Nuh 16 und Naba 13 wird „siradsch“ für die Wärme und das Licht der Sonne verwendet und wahrlich, unser geliebter Prophet ﷺ ist eine Sonne, so haben die Bewohner von Madinah (Yathrib) den Gesandten ﷺ mit einem gemeinsamen Lied empfangen: „Taleal Badru“. Eine Strophe hieraus lautet: „Anta schamsun, anta badrun, anta nurun ala nur.“ (Du bist die Sonne, Du bist der Mond, Du bist das Licht über dem Licht.).

Das zweite Wort im Vers ist „munir“, und dieses Wort taucht im Qur’an sechs Mal auf, wovon das erste im hiesigen Vers in der Surat al-Ahzab ist. In Furqan 61 wird „munir“ für das Licht des Mondes verwendet – welches von der Sonne reflektiert wird, d.h. nicht sein eigenes Licht weitergibt, sondern das Licht der Quelle „Sonne“ weitergibt. An vier anderen Stellen wird von „Qitabul munir“ gesprochen – also erleuchtendes Buch – was stellvertretend für den edlen Qur’an gebraucht wird. Allah hat also seinen Propheten ﷺ sowohl mit „siradsch“, als auch mit „munir“ angesprochen. Die Symbiose dieser beiden Begriffe ist nicht zufällig, sie hat eine tiefere Weisheit. Der Prophet Muhammad ﷺ ist sowohl eine eigene Quelle für Licht, als auch der Reflektor des Lichts Allahs. Das ist ein schöner Beweis für die Sunnah des Propheten Muhammad ﷺ. Während die eigene Quelle für Licht die Sunnah des Propheten Muhammad ﷺ ist, ist die reflektierte Quelle der Qur’an, das direkte Wort Gottes. Beide zusammen sind die wichtigsten Quellen des Islams und die Anleitung für das Leben der Menschheit. Allah ist „an-Nur“ – das Licht – und er ist zugleich die materielle Quelle für Licht, als auch die immaterielle Quelle für Licht – also für den Glauben und die Rechtleitung. Allah hat den Menschen Offenbarungen zuteilwerden lassen, auf das sie von den Finsternissen ins Licht geführt werden und die Propheten sind die Hirten der Menschen, die das Wort Gottes nach dem Willen Gottes interpretieren und den Menschen das Wort Gottes auf die beste Art und Weise vorleben. In diesem Zusammenhang sind also die Bücher „munir“ und der Prophet ﷺ ist „siradschan-munir“. Da die Quelle für dieses Licht einzig und allein Allah ist, kann dieses Licht niemals erlöschen und wird ewig leuchten und den Menschen den wahren Weg weisen. So strahlt dieses Licht so hell wie vor 1400 Jahren und nimmt uns Menschen bei sich auf und füllt unsere Herzen mit Ruhe und Gewissheit. Beim Propheten ﷺ ist man glücklich, denn er ist das einzige und einzig unverschlossene Tor zu unserem gütigen Schöpfer Allah.

Wahrlich oh Prophet ﷺ, du bist so schön wie kein anderer.

Wir danken Allah, unserem Herren, dass er uns die Ehre gegeben hat, zur Gemeinschaft Muhammads ﷺ zu gehören und die große Segnung ihn besuchen zu dürfen, ohne dass wir es verdient hätten. Alhamdulillah.

  1. Die letzte Nacht in Madinah

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Es ist die letzte Nacht, die ich mit meinem geliebten Propheten ﷺ verbringe – was diese Reise anbelangt. Ich wünsche mir von Allah innigst, sobald wie möglich wieder mit seinem Gesandten ﷺ vereint zu sein. Die Zeit mit dem edelsten Geschöpf Gottes war viel zu kurz, gerade wenn man anfängt sich an ihn zu gewöhnen, an seine Präsenz, an die Ruhe, die Liebe, die wahrhafte Barmherzigkeit, das alles erhellende Licht, welches er ausstrahlt, muss man wieder von seiner nächsten Nähe gehen. Noch nehme ich gar nicht wirklich wahr, dass ich schon heute Mittag die Prophetenmoschee verlassen muss. Ich verdränge es und konzentriere mich auf das jetzt bei dem wunderbarsten aller Menschen, den es je gegeben hat und geben wird, auf das ich noch ein wenig mehr von seiner Barmherzigkeit und Liebe in mir aufnehmen kann.

Meine Konzentration wird ab und an mal durch einen Schergen der Ignoranz auf die Probe gestellt, der versucht uns zu verwirren und zu stören, sodass wir unsere Ausrichtung zum edelsten aller Geschöpfe ﷺ, dem Bringer froher Botschaft aufheben. Doch nicht einmal einen Bruchteil einer Minute kann dieses weitere Geschöpf Gottes unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen – kaum ist er weitergezogen, ist er besiegt und verschwindet dort, wo er hergekommen zu sein scheint. Sein Gleichnis ist das einer Fliege, die zwar klein ist, aber doch lästig umherschwirrt und irgendwann dann weiterzieht. Neben mir sind Pakistaner, Inder, Bangladeschis, Indonesier, Malaysier, Türken, Afrikaner aus allerlei Ländern, ob Senegal, Burkina Faso oder Nigeria – die alle zu Ehren des Gesandten ﷺ um das Wohlgefallen Allahs willen, seinen Gesandten zu besuchen kommen. Einen Mann trifft man, er ist aus Burkina Faso und ist vor 45 Jahren aus seinem Land nach Madinah gekommen, um hier die Umrah zu machen, doch als er hier ankam, so musste es für ihn ein so besonderes Gefühl gewesen sein, sodass er beschloss für immer hier in Madinah zu bleiben und die Gegenwart des Propheten ﷺ zu genießen – eben desjenigen Propheten ﷺ, den diese engstirnigen Ignoranten so respektlos und ungebührlich behandeln. Man merkt, dass sie keine Liebe zu ihm ﷺ besitzen. Ungeheuerlich.

Aber jede institutionalisierte engstirnige Ignoranz hat irgendwann ein Ende. Wir hoffen darauf, dass al-Hidschaz sobald wie möglich genest. Oh Allah, lass diejenigen den Hidschaz beherrschen, die es aufgrund ihrer aufrichtigen und großen Liebe zum Propheten ﷺ wirklich verdienen. Amin.

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Nach einem gewöhnlichen Dhuhr-Gebet in der Prophetenmoschee

Bilderquellen: www.madrasah.de und zum Teil eigene Fotos