Makkah: Das Zentrum des Universums (Umrah-Journal-Teil 2/2)

Makkah: Das Zentrum des Universums

  1. Saudische Mawlids in Makkah

 

Wir befinden uns gerade in dem vierten Mawlid auf unserer Reise (insgesamt wurden es sechs!) durch den Hidschaz, dieses Mal in Makkah al-Mukarramah. Es ist geradezu ein Stein, der uns immer wieder vom Herzen fällt, wenn wir solche Zentren der Ahlu-Sunnah wal Dschama’ah inmitten einem – noch – von Ignoranten regierten Hidschaz vorfinden und an diesen teilnehmen können. Damit rückt unsere Hoffnung auf eine glanzvolle Zukunft in eine greifbare Nähe! Das Gedenken und Feiern der Geburt des geehrtesten Geschöpf Gottes ﷺ hat eine lange und feste Tradition in der muslimischen Geschichte, doch wird diese Tradition von den engstirnigen Ignoranten im Zuge ihrer „Reformation des Islams“, den „salafistischen“ Erneuerern mit den Füßen getreten und hart bekämpft – ohne größeren Erfolg. So ist es eine große Gefahr für die Muslime hier, die in Madinah und Makkah ihrer innigen Liebe zum Propheten ﷺ durch einen Mawlid Ausdruck verleihen, diese zu veranstalten. Das ist auch der Grund, weswegen ich keine Photos von den Gelehrten, die wir besucht haben, hier veröffentlichen kann – es könnte schwerwiegende Folgen für sie und ihre Familien haben. Man kann nicht anders, als diesen tapferen Liebenden des Propheten ﷺ mit großem Respekt für ihre Bemühungen den Erneuerern zum Trotz zu begegnen.

 

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So erstaunt es nicht, dass das Foto von der Grünen Kuppel, das hier im Zentrum des Raumes hängt, unter welcher der Körper des Gesandten Gottes ruht, aus solch einer Perspektive geschossen wurde, sodass nicht das direkt anliegende Minarett im Saudi-Stil zu sehen ist, sondern das gegenüberliegende Minarett im Stile der Osmanen. Die Osmanen waren nämlich mit ihrer Liebe zum Propheten Muhammad ﷺ wahre Vorbilder für die muslimische Gemeinschaft und wurden somit auch von dieser geliebt. Die Saudis und ihre ignorante Reformatoren-Sekte sind verantwortlich für die großflächige Zerstörung von Islamischer Geschichte, den Spuren des edlen Gesandten Gottes ﷺ, so wie zum Beispiel die Brunnen, aus denen er trank, die Häuser, in denen er wohnte, die Moscheen, in denen seine Gefährten beteten, die Kuppeln, die man zur Ehre der Familie und Gefährten des Propheten erbaute und die Friedhöfe, in denen seine Familie und Gefährten ruhen. All diese und viele andere Monumente der Geschichte wurden und werden weiterhin von den Saudis nach und nach zerstört.

Doch das alles ist fürs erste vergessen, wenn der Dichter Salawat für den letzten Gesandten Gottes ﷺ mit einer ungewöhnlich melodischen Poesie und mit inniger Leidenschaft und reiner Liebe vorträgt. Es heißt – wie uns heute ein geehrter Enkel des Propheten ﷺ mitteilte, dass wer hier und heute (der Abend vor dem Freitag) einen Salawat spricht, bekommt zehn Salawat vom Propheten ﷺ zurück, wer zehn Salawat spricht bekommt 100 Salawat zurück, wer 100 Salawat spricht bekommt 1000 Salawat zurück und wer 1000 Salawat spricht, dessen Körper wird dem Höllenfeuer verboten und er wird geschützt davor, in die Hölle einzutreten.

Und so stimmen wir alle zusammen die Salawat an und tragen Gedichte vor, Nasheeds zu Ehren des dankbarsten Diener Allahs ﷺ. Die Worte des Dichters über den edlen Charakter des Propheten ﷺ kommen vom Herzen, was man an den unzähligen Tränen merkt, die in Strömen von den Gesichtern der Muslime fließen, welche wahren Worten über den Gesandten Gottes ﷺ ihr Gehör verleihen. Die Menge singt mit und wird lauter und leidenschaftlicher, bis eine unerträgliche Zäsur kommt – kurze Stille eintritt – und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, die Gedichte weitergehen. Jeder wird zum Dichter, wenn er nur tief genug in sein Herz hört und diesen reinen Gefühlen gegenüber dem edelsten Geschöpf Gottes ﷺ zur Sprache verhilft.

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Nach der ganzen Poesie über unseren gemeinsam Geliebten, spricht ein weiterer gelehrter Enkel unseres Propheten ﷺ über Rizq, also über die Versorgung von und durch Allah. Dem Gelehrten, der neben ihm sitzt, ein bekannter US-amerikanischer Gelehrter, kann man im Gesicht lesen, was in seinem Herzen vorgeht. Es ist erstaunlich, mit welch aufrichtigem Blick und Interesse er dem anderen Gelehrten gebannt zuhört – das ist wirklich überraschend und wunderschön – würde man doch annehmen, dass er aufgrund seines Wissens viel lieber selbst reden würde, als „einfach nur“ zuzuhören. Doch dem ist nicht so. Es ist ihm ins Gesicht geschrieben, dass er es sehr genießt, den Vortrag des anderen Gelehrten zu lauschen und das Wissen wertzuschätzen. So ist in diesem Gesicht mal faszinierte Bewunderung, überraschte Überwältigung, große Trauer, als auch eine erschreckend alt wirkende Weisheit zu sehen.

Ich kannte diesen Menschen nicht, hatte nie von ihm gehört, aber seine Aufrichtigkeit hat mich sehr stark beeindruckt. Zum Ende des Vortrages und Mawlids wird uns noch typisch arabisch Reis mit Fleisch – oder Fleisch mit Reis – angeboten, für einen Europäer außergewöhnlich gewürzt mit Nelken und Kardamom. Keiner darf aufstehen, bevor er vollständig satt ist – und ich meine wirklich vollständig. Möge Allah diese Familien, Gelehrten und Menschen segnen und uns im Paradies mit unserem Geliebten ﷺ vereinen.

 

  1. Conclusio: Nach der Reise ist vor der Reise?

Die Gruppe, mit der wir die Umrah vollzogen, war international und kulturell sehr durchmischt: deutsche, österreichische, polnische, russische, arabische, afrikanische, türkische, kurdische, afghanische, pakistanische, bosnische und albanische Umrah-Teilnehmer. Die zwei Eigenschaften, die alle verbanden, waren: die deutsche Sprache und die Gottergebenheit, also das Muslim-sein.

 

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Die Madrasah-Gruppe vereint vor der Grünen Kuppel

 

Unter diesen Menschen befand sich ein Deutscher, dessen Eltern auch Deutsche sind und der vor einigen Jahren Muslim geworden ist. Dieser junge Mann ist 23, kann womöglich besser Türkisch als viele derer, deren Eltern Türken sind – doch wichtiger als das, der junge Mann hat eine klassische Madrasah Ausbildung im Arabischen hinter sich (Sarf und Nahiw) und hat nach einer gewissen kurzen Zeit viel Wissen in der klassischen Islamischen Theologie gesammelt.

Er studiert Gymnasiallehramt auf Deutsch und Geschichte (Super Wahl! Aber wohl eher nicht für Karrierechancen) und hat dieses Jahr seine Hadsch gemacht, einige Monate danach treffen wir uns dann in dieser Umrah von www.madrasah.de und lernen uns kennen. Ich frage ihn was ihn hierher zieht, so kurz nach der Hadsch in diesem (letzten) Jahr. Er spricht generell wenig, aber wenn er redet, dann redet er weise – eigentlich viel zu weise für sein Alter.

Die Atmosphäre, die Spiritualität und die Liebe zu Gott ist es, die einen hierher zieht – immer und immer wieder.

Der Bruder ist ein besonderer Mensch. Er ist sehr freundlich, darauf bedacht, niemanden zu verletzen, sei es mit einer unbewussten Geste oder mit einem unbedachten Wort – vielleicht ist das ja der Grund dafür, warum er so wenig spricht.

Er hat sich einem bekannten Sufi-Orden in der Türkei angeschlossen, der Naqschibandiyah von Sheikh Mahmud Effendi aus Fatih, dem womöglich bekanntesten Tasawwuf-Vertreter in der Türkei – wegen Gründen, die einzig und allein das Herz versteht.

In unserer Gruppe sind Muslime aus jeder Richtung dabei. Neben ihm gibt es jemanden, der der Tariqah (Sufi-Orden) von dem mittlerweile verstorbenem Sheikh Nazim Kibrisî angehört, jemanden, der dem Menzil-Weg folgt und viele, die Habib Umar bin Hafiz aus dem Jemen folgen. Möge Allah alle Gelehrten und Shuyukh beschützen und ihnen ihren Weg erleichtern.

Was mich sehr an dieser Umrah berührt ist ebendiese Vielfalt, die es in der muslimischen Welt gibt, und die in unserer Gruppe auf eine sehr schöne Art und Weise ausgelebt wird. Kaum ist die Reise vorbei, so möchten wir alle wieder zurück, zurück zu dem Ort, an dem das Herz zuhause ist – und das am liebsten gemeinsam.

Die Umrah ist eine Reise, durch das man sich selbst besser kennenlernt. Sich selbst, und seinen Propheten ﷺ, dessen Leben man bis dato nur in Büchern gelesen, von Gelehrten gehört oder von Sufis vorgelebt bekommen hat. Diesen Propheten ﷺ kann man nun besuchen und sich das Land ansehen, auf dem er gelebt hat und die Barmherzigkeit, die aufgrund seines Lebens zwischen den Menschen gesät wurde, spüren und leben.

Die Umrah ist zur jeder Zeit zu empfehlen. Egal in welchem Abschnitt des Lebens man sich befindet und in welchem Alter, die Umrah ist immerzu eine Kalibrierung auf das Jenseits und das eigentliche Ziel im Leben. Es verfehlt niemals seine Wirkung.

 

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Menschen aus allen Kulturen und Ländern der Welt, vereint im Gottesgedenken bei dem ersten Gotteshaus, welches auf Erden errichtet wurde.

 

Die Umrah sollte man am besten mit einer Gruppe unternehmen, die sich vor Ort auskennt und die einen zu den Zentren der Ahlu-Sunnah in Makkah und Madinah führen kann, in welchen man dann der Weisheit der Familie des Propheten ﷺ lauschen kann. Damit ist die Umrah nämlich auch eine Persönlichkeitsschmiede. Sie ebnet einen, sie zeigt einem auf, dass man ein Mensch ist und nicht mehr. Jedem, der der Gigantomanie oder Megalomanie verfallen ist, Hochmut und Arroganz besitzt, wird hier klar, dass das alles Krankheiten sind, die den Geist befallen und die einem klar vom Ziel des Lebens abbringen. Man kann viel Materielles besitzen, viel Reichtum anhäufen, aber was bringt das einem in unserer Endstation des Lebens? Die Umrah ist das Heilmittel gegen diese und weitere Krankheiten des Herzens und des Geistes. Wer Genesung will, der kommt zu Allah und seinem Gesandten ﷺ.

Die Umrah ist wunderschön und unersetzlich. Jeder sollte sie machen. Sobald und sooft er kann. Mit seiner Familie. Mit seinen Freunden. Oder nur mit unserem geliebten Propheten ﷺ und unserem barmherzigen Herren vereint.

„Er ist es, Der für euch Gehör, Gesicht und Herzen geschaffen hat. Wie wenig dankt ihr dafür!“ (Surat al-Mu’minun 23, Vers 78)

Auf dass wir uns so bald wie möglich wieder gemeinsam zu Allahs Haus und zu Allahs Gesandten ﷺ auf den Weg machen!