Online-Petitionen, die die Welt verändern…

…sucht man vergeblich.

Dennoch machen immer wieder neue “Online-Petitionen” Konjunktur.

Gegenwärtig ist vor allem eine Petition im Umlauf: “Deine Stimme gegen das Kopftuchverbot”. Über mehrere Kanäle wird für eine Unterschrift geworben, um ein Verbot des Kopftuches zu verhindern. Es gibt noch viele andere Petitionen auf der gleichen Website. Etwa eine, die fordert “Stoppt die Hetze gegen den Islam!”. Jeder kann eine Petition erstellen und verbreiten.

Fraglich ist aber, was der Nutzen solcher Petitionen ist. 

Ich glaube: Keiner.

Oder, direkter ausgedrückt: “Online-Petitionen” sind nichts als emotionale Selbstbefriedigung. 

Durch die Teilnahme an einer solchen Aktion hat man das Gefühl, man hätte etwas für die Sache getan. Es befriedigt unseren Gerechtigkeitssinn, es ist eine Art des Dampfablassens, um dem Frust über eine vermeintliche Ungerechtigkeit Ausdruck zu verleihen. Man bildet sich etwas auf die Zahlen ein (wow! Schon XXX Personen haben unterschrieben. Wir sind wer und halten zusammen!), projiziert einen vermeintlichen Effekt in die “Online-Petition” (“Wir erheben unsere Stimme und zeigen, dass man das nicht mit uns machen kann”) und man muss sich nicht länger als Opfer fühlen. Man hat ja was getan.

Und genau das ist mein Problem. Wegen der Einfachheit und Schnelligkeit der Sache werden wichtige Reflektionsmechanismen einfach ausgeschaltet (Wer hat die Petition ins Leben gerufen und warum? Wem nützt das?). Das gleiche gilt übrigens für die meisten Demonstrationen, die, zumeist in fremder Sprache geführt, bei anderen nur Befremden wecken.

Keiner interessiert sich dafür, dass es eine “Online-Petition” gibt und dass sie 50 000 Unterzeichner hat (mit Null Aussagekraft. Davon könnte eine beträchtliche Anzahl Fakes und Bots sein, oder von Unterzeichnern aus dem Ausland oder Trolle).

Man könnte argumentieren: Es ist ja nichts dabei. Man unterschreibt doch einfach nebenbei, während man auf Instagram surft. Dauert nur zwei Minuten.

Aber genau diese Einfachheit ist lähmend. Denn sie suggeriert, dass man mit diesen zwei Minuten “Einsatz” etwas geleistet hätte. Das hat man aber nicht. Diese zwei Minuten bringen allenfalls dem Unterzeichner ein gutes Gefühl, mehr nicht. Sie beruhigen zu Unrecht sein Gewissen. Und sie stehlen den Willen für tatsächlichen Einsatz.

A: “Wir müssen etwas gegen das Kopftuchverbot tun!”

B: “Ja, da gibt’s diese Petition. Unterschreib die, habe ich auch getan!”

Und schon ist die Auseinandersetzung mit dem Thema gegessen.

Dieser Effekt tritt oft und unbemerkt auf. Weil man eine virtuelle Petition unterschreibt, sucht man nicht länger nach anderen Wegen des Diskurses. Denn echter politischer Diskurs ist mühsam. Es erfordert tatsächlichen Einsatz von Hirnschmalz. Es ist keine Sache, die man in wenigen Minuten erledigt.

Nun, ich kann dich beruhigen. Es ist nicht so schlimm, wenn du die Petition unterschrieben oder sogar für sie geworben hast. Es ist normal: Man will etwas tun. Und damit dieser Text nicht ein weiteres Beispiel für reaktionären Aktionismus wird, werde ich dir zehn sinnvolle Wege des Einsatzes aufzeigen (und es gibt noch Tausende weitere). Du sollst wissen: Auch du kannst dich effektiv für deine Interessen einsetzen. Zum Beispiel so:

  1. Sprich mit deinen Freunden über das Thema und erkläre ihnen, was dir daran so wichtig ist. Was dich bewegt, wovor du dich fürchtest, was du dir wünscht und was du für deine Kinder wünscht.
  2. Sprich mit deinen Arbeitskollegen über das Thema.
  3. Lass die Öffentlichkeit an deinen Gedanken teilhaben (etwa durch einen Text im TugendBlog).
  4. Engagiere dich in deiner lokalen Moschee und mach deine Arbeit gut.
  5. Engagiere dich in deiner Stadt und sei mit deinem Glauben natürlicher Teil der Gesellschaft, sei so wie du bist präsent (etwa in einer Umwelt- oder Tierschutzorganisation, als Schöffe oder indem du deine Straße sauberhältst)
  6. Engagiere dich in einer politischen Partei und vertrete dort die Interessen deiner Community.
  7. Kontaktiere den Landtags- und Bundestagsabgeordneten deines Wahlkreises, teile ihm deine Sorgen und Wünsche mit. Besuche seine Sprechstunden, ruf ihn an oder schreib ihm einen Brief.
  8. Schreib Leserbriefe an die Redaktion deiner Regionalzeitung.
  9. Organisiere Podiumsdiskussionen in deinem Stadtzentrum.
  10. Suche die Debatte mit jenen, die die entgegengesetze Position vertreten. Hör ihnen aufmerksam zu. Sprich mit ihnen über deine Sorgen. Locker und freundlich.

In diesem Sinne: Verbleib positiv. Lass dich nicht treiben und von Ideologen instrumentalisieren. Sei für andere und ihre Sorgen offen. Sei langfristig ein konstruktiver Teil der Gesellschaft.

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