„Sinnenrausch“ – der mysteriöse Vater (ELS-Teil 3)

Lasker

Das erste Gedicht „Sinnenrausch“ hat einen etwas konspirativ-rebellischen Hintergrund, und dass, obwohl es um die Liebe zu dem Vater ihres Sohnes Paul geht.
Die Geschichte beginnt mit der Heirat Else Schülers und dem jungen Arzt Dr. med. Berthold Lasker im Jahr 1894. Diese Ehe hält offiziell bis 1903, doch schon zuvor herrschen während der Ehe viele Probleme und das Paar trennt sich weit vor der offiziellen Scheidung.

Das Poem entsteht nach dem 9. September 1899 – dem Tag der Geburt ihres Sohnes Paul – und ist dessen Vater gewidmet. Es besteht jedoch das Problem, dass niemand mit Gewissheit den leiblichen Vater des Kindes identifizieren kann. Auf der Geburtsurkunde ist der Name des Ehemanns der Mutter eingetragen, doch „Berthold Lasker erkennt die Vaterschaft für ein Kind an, von dem er wohl nur eines ganz sicher weiß: von ihm ist es nicht. […] Karl Kraus erfährt mehr als zwanzig Jahre später – Sie wissen doch … –, er ist von einem griechischen Prinzen namens Alcibiades de Rouan. Ein paar Freundinnen werden auch von dem griechischen Prinzen erfahren, den sie auf der Straße getroffen habe.“[1]

Wenn die Dichterin von dem wahren Vater ihres Sohnes spricht, dann nur mit geheimen Fantasienamen. Vermutlich war dies eine Form der Diskretion, um weder seinem, noch ihrem Ruf zu schaden, denn wenn Else Lasker-Schüler dieses Gedicht an eine bestimmte, erkennbare Person, welche nicht ihr Ehemann wäre, gewidmet hätte, würde dies zu einem gesellschaftlichen Ruin führen. Aus diesem Grund wurde auf diese Art und Weise die tatsächliche Person mit dem Einsatz von Pseudonymen kaschiert.

Schon allein der Titel „Sinnenrausch“ gibt uns eine vage Vorstellung von dem, was uns in diesem Gedicht erwarten wird.

Der Rausch der Sinne stellt ein überwältigendes Glücksgefühl und einen emotionalen Höhepunkt dar. Man kann davon ausgehen, dass hierbei mehrere Sinne gemeint sind, welche stimuliert werden, denn der Titel gibt Auskunft auf einen „Sinnenrausch“.
Dieser ist jedoch mit der Sünde des Kusses (V.1) verbunden, welcher den Tod des lyrischen Ichs bedeutet.
Die „Totengruft“ könnte eine Anspielung auf die mögliche gesellschaftliche Ächtung des lyrischen Ichs sein, die folgen würde, wenn diese Affäre ans Tageslicht käme. Aufgrund des biographischen Kontexts und des Entstehungszeitpunkts, kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass es sich beim lyrischen Ich um Else Lasker-Schüler handelt.
Diese ist betäubt von seinem Atem (V.2), welcher einen süßen Duft hat. Die Betäubung scheint nicht ungewollt zu sein, denn mit dieser emotionalen und erotischen Beziehung hat sie eine Ablenkung, eine Art des positiven Äquivalents gegenüber der negativen, hektischen und kalten Alltagswelt, sowie auch gegenüber der konfliktvollen Ehe mit Berthold Lasker. Sie verlor mit dem Geliebten ihre eheliche Keuschheit, welche sie als „Tugenden“ beschreibt, die ihr „entschliefen“ (V.3). Sie „[…] trink[t] sinnberauscht aus seiner Quelle“ (V.4), also voller Leidenschaft und Ekstase. Die Quelle könnte hierbei eine erotische Anspielung auf den Körper des Geliebten sein. Anschließend verliert sich das lyrische ich „willenlos“ (V.5) in den Tiefen seiner Quellen.
Und dies alles macht sie mit „Verklärten Blickes in die Hölle“ (V.6), d.h. die gläubige Jüdin ist sich der qualvollen Bestrafung gewiss, die ihr nicht nur durch die Gesellschaft, als auch durch Gott im Jenseits bevorsteht. Ihr blasser Körper füllt sich durch den Hauch des Geliebten im Akt mit wohliger Wärme (V.7).
Die Emotionen, die der Geliebte in ihr auslöst, überwiegen, und greifen die moralische Instanz mit erhöhter Intensität an.

Der Kampf zwischen den gesellschaftlich-moralischen Normen und den leidenschaftlich-sexuellen Trieben ist über das ganze Gedicht hinweg klar ersichtlich.
Der Geliebte zittert, was wahrscheinlich eine Umschreibung für den Orgasmus ist, wie ein frischer Rosenstrauch.
Der „[…] junge[…] Rosenstrauch“ (V.8) ist eine schwächliche, nicht allzu standfeste Pflanze, die sich mit dem Wind bewegen muss, um zu überleben.
Die Parallele zu dem Geliebten scheint, dass dieser sich der Ekstase des sexuellen Gipfels nicht entziehen kann und dessen Druck nachgibt.
Im darauffolgenden Vers empfängt er den „[…] warmen Maienregen“ (V.9), welches eine Metapher der Birke darstellt, welche als erster Baum aus der Winterstarre erwacht. Dies ist daher ein Symbol für den kraftvollen Lebenswillen.

Das lyrische Ich folgt dem Geliebten in das „wilde Land der Sünde“ (V.10), welches eine Metapher für die entfesselte, leidenschaftliche und wilde Erotik in ihrer gemeinsamen sexuellen Affäre ist. Sie pflückt außerdem „[…] auf den Wegen“ (V.11) Feuerlilien; diese Pflanze ist mit ihrer hellroten Farbe ein bekanntes Symbol der Leidenschaft. Mit den Feuerlilien drückt sie die Wildheit ihres erotischen Triebs aus.

Dies alles nimmt sie in Kauf, selbst wenn sie dann nicht mehr zurück in ihre Heimat wiederfinden würde (V.12), was sinnbildlich für die Rückkehr zur zahmen und hierarchischen Ehe mit ihrem Gatten Berthold Lasker steht. Diese scheint sie sexuell zu langweilen, wenn nicht gar zu unterfordern, und aus diesem Grund ist die Beschreibung der sexuellen Affäre in diesem Gedicht auf durchgehend leidenschaftlich-wilder Ebene.

Der Usus von alliterierenden Adjektiven wie „sünd’ger“ (V.1), „süßer“ (V.2), „sinnberauscht“ (V.4) oder „willenlos“ (V.5), „weißer“ (V.7), „warmen“ (V.9) und „wilde“ (V.10) bestärkt die lautmalerische Wirkung des Gedichts. Damit trägt es eine wundervolle Melodie, die zusätzlich durch das fünfhebige-jambische Versmaß unterstrichen wird. Die anfänglichen zwei Verse enden mit einer männlichen Kadenz, die restlichen vier Verse in den 6-versigen Strophen enden mit einer weiblichen Kadenz. Diese alternierende Kadenz sorgt wiederum für ein Auf und Ab der Melodie, wodurch wir die Wildheit der Gefühle Else Lasker-Schülers nachempfinden können.

[1]Decker, Mein Herz, S. 99