Warum die Deutsch-Türken Erdogan lieben, und was dagegen zu tun ist

Viele fragen sich, weshalb Präsident Erdogan bei den Deutsch-Türken in Deutschland so außerordentlich beliebt ist.
Ich versuche diese Frage in zwei einfachen Teilen zu beantworten.
Der erste Teil der Antwort: Die Türken und Deutsch-Türken in Deutschland wurden und werden in unserer deutschen Gesellschaft oft noch misstrauisch beäugt. Man vermutet, dass sie böse Absichten haben und dass sie die Agenten und Spione, “U-Boote” von diesem und jenem, verkappte “Schläfer” und “Islamisten” sind usw. Das gilt sowohl für Einzelpersonen, als auch für die Migrantenselbstorganisationen.
 
Das möchte ich anhand vierer persönlicher Erlebnisse etwas lebendiger aufzeigen:
  1. Seiner Zeit wollte ich Junge Union-Mitglied in Bayern werden, aber eine der Vorsitzenden unseres Ortsverbands befand mich nicht für geeignet. Der Grund dafür war, dass ich zuvor satirisiche Kritik an (ex-Dr.) Guttenberg und (ex-Dr.) Schavan und ihren Plagiaten geäußert hatte. Sie meinte, das passe nicht zusammen, entweder ich sei für die Union oder gegen sie, ich müsse mich schon entscheiden. Ich war überrascht, das hatte ich nicht erwartet. Ich vermisste Kritikfähigkeit und das Verständnis für Satire, stattdessen wurde ich deshalb entmutigt mitzumachen.
  2. Dann bewarb ich mich für ein bestimmtes Stipendium und schaffte es bis zum Vorstellungsgespräch. Dort befragte mich die Auswahlkommission etwa in 10 von 15 Minuten des Gesprächs darüber, “wie ich 9/11 beurteile?” oder “ob ich Bin Laden gut fände?”. Ich musste mich distanzieren und Selbstverständliches erklären.
  3. Zudem wurde ich aus Überzeugung und mit Elan letztlich Mitglied der CDU. Ich freute mich darauf, mich endlich in substantieller Lokalpolitik zu beteiligen und Lösungskonzepte zu den zahlreichen Herausforderungen unserer Kommune zu erarbeiten. Was bekam ich? In der ersten Sitzung des Ortsvereins wurde ich erst einmal vom Vorstand ins Kreuzverhör genommen: “Was hast du vor? DITIB-Jugendvorstand und CDU? Islamisierung? Unterwanderung der CDU durch Islamisten? …”. Auch diese Behandlung und das starke Misstrauen hatte ich nicht erwartet.
  4. Zuletzt absolvierte ich ein Praktikum bei einer Tageszeitung mit überaus hilfsbereiten und intelligenten Kollegen – eine Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin. Viele Bürger und Kollegen interessierten sich für den Ramadan, der zu der Zeit im Gange war. Sie baten mich, dass ich darüber schrieb. Kurz darauf erreichten uns Leserbriefe á la: Wieso steht in der Zeitung etwas über den Islam und nie über das Christentum? (Das war die erste solche Reihe, jemals. Jede Woche gab und gibt es das christliche “Geistliche Wort” im Blatt). Man unterstellte mir Missionierungseifer. Islamisierung? Unterwanderung der Zeitung durch Islamisten?…
 
Das sind nur vier beispielhafte Ereignisse aus meinem Leben.
Warum erzähle ich dir das alles also?
 
Ich will dir zeigen, wie es sich gestaltet, als Muslim mit türkischen Wurzeln gesellschaftliche Akzeptanz in unserem Land Deutschland zu erlangen. Man muss sie sich erkämpfen durch einen unbezwingbaren Willen, mit viel Leidenschaft und laaaaaangem Atem. Es ist möglich. Aber nicht jeder will sich jedes mal aufs Neue beweisen müssen – beweisen, dass man kein Agent, verlängerter Arm oder Bein/Fuß, Spion oder Partisane von diesem und jenem umstrittenen Politiker oder umstrittener Ideologie ist. Zugleich nimmt man an, dass alle Deutsch-Türken türkische Hobbypolitiker und Philosophen sind, die unbedingt ihre Meinung zu diesen und jenen Vorgängen in der Türkei loswerden wollen (oder überhaupt zwingend eine haben müssen).
 

Bist du dafür oder dagegen?
Allzu oft wird eine mentale Checkliste abgearbeitet, was man “entweder, oder” ist (als ob es immer nur das eine oder andere Extrem gebe):
 
– “Islamist” (was auch immer dieser unzureichend definierter Begriff aussagen mag) oder “Humanist”
– Erdogan-Anhänger oder Gegner
– “Salafist” oder “Liberaler”
– Völkermord-Leugner oder Bezeuger
– Handgeber oder Nicht-Handgeber
– usw.
 

Symbolfigur für Gerechtigkeit

Es gibt auch Menschen, die besinnliche, freundliche, durchdachte und konstruktive Strategien erdenken und anwenden, wie zum Beispiel Bundespräsident Wulff. Mit Bundespräsident Wulff kann sich so gut wie jeder Muslim und Türke in Deutschland hervorragend identifizieren. Doch diese Persönlichkeiten werden gesellschaftlich so enorm denunziert und diffamiert, dass sie entweder wieder mit mehr Rechtspopulismus einlenken müssen, oder vollends medial niedergemacht werden (Ein tolles Buch hierzu ist “Wir wollen euch scheitern sehen!” von Alexander Görlach).
Herr Wulff ist meine persönliche Symbolfigur für Gerechtigkeit in Deutschland, und er hat mein Herz für sich und für Deutschland gewonnen. Das tat er in den Zeiten der geschmacklosen Sarrazin-Debatte, in welcher Freunde und Bekannte mit Bio-Darwinismus und genetischen Überlegenheiten sowie islamfeindlichen Parolen  argumentierten. Sarrazin und sein Buch haben die Büchse der Pandora in Deutschland geöffnet, die Debatte vergiftet und den gesellschaftlichen Frieden nachhaltig gestört. In dieser aufgeheizten und scheinbar aussichtslosen Situation kam Herr Wullf und sprach zu uns, nahm uns symbolisch bei sich und seinem Land auf – ich war bereit und motiverter denn je, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Zum ersten Mal konnte ich stolz sagen: “Ich bin Deutscher!” – denn ich wurde zum ersten Mal richtig akzeptiert und wertgeschätzt und zugleich an meine Verantwortung für die Gesellschaft erinnert. An Rechte und Pflichten also. Seitdem kämpfe ich für meinen Platz in der Gesellschaft, engagiere ich mich, schreibe, diskutiere, rede, überzeuge und werde überzeugt.

Erdogan, der strategische Macher

Der zweite Teil der Antwort: Zum ersten Mal interessiert(e) sich ein mächtiger Staatsmann für die Belange der Türken und Deutsch-Türken in Deutschland, wusste, wie er reden, handeln und auftreten musste, damit er ihre Herzen gewann. Es gibt in der Geschichte keinen anderen türkischen Staatsmann, der annähernd ähnliche Resultate bei den Deutsch-Türken erzielte, wie es Präsident Erdogan schaffte. Das liegt unter anderem daran, dass er es wie kein anderer beherrscht, alle notwendigen rhetorischen und politischen Register zu ziehen, damit die Türken und Deutsch-Türken sich bei ihm aufgehoben, respektiert, anerkannt, gewürdigt und geschätzt fühlen. Präsident Erdogan war es, der ihnen das Recht gab, bei Wahlen in der Türkei aus dem Ausland mitzumachen und der ihnen die Wehrpflicht erleichterte. Zudem versprach der Staatschef davon, dass er den Einzug von Deutsch-Türken als Abgeordnete in das türkische Parlament ermöglichen würde, und vieles, vieles mehr. Er versprach vieles und setzte zeitnah all seine Versprechen um. Er kümmerte sich um die Beziehung zu seinen Wählern und potenziellen Wählern in Deutschland. Er gewann mit “politischer Zuneigung” ihre Herzen, und deswegen lieben ihn die Deutsch-Türken so sehr. Es geht der Community in Deutschland dabei weniger bis kaum um eine bestimmte Ideologie oder um die Bewertung politischer Ereignisse in der Türkei, sondern vielmehr um ganz egoistische Erleichterungen, die Präsident Erdogan für sie strategisch klug geschaffen hat. Er hat das gemacht, was unzählige deutsche Politiker verdrängt oder verplant haben, aber ebenso gut hätten machen können. Erdogan ist ein Realpolitiker. Er hat das Gegenteil von dem gemacht, was jetzt deutsche Politiker machen: Er hat um ihre Herzen mit Freiheiten, Erleichterungen und politischen Zugeständnissen gekämpft, während Politiker in Deutschland alles dafür taten und tun, damit die Deutsch-Türken noch mehr antagonisiert werden, sich noch weniger verstanden fühlen und noch weniger Zugehörigkeit zu Deutschland empfinden. Es wäre doch so leicht, kämpfe man um ihre Herzen…


Wir müssen um ihre Herzen kämpfen!

Integration, nicht nur theoretische oder eine platte Phrase davon, sondern tatsächliche, also emotionale und praktische Zugehörigkeit zu unserer deutschen Demokratie und Gesellschaft, können und müssen wir in Deutschland als Mehrheitsgesellschaft und als Deutsch-Türken zugleich erkämpfen.
Es braucht nur ein wenig mehr Empathie seitens der Mehrheitsgesellschaft. Wir müssen erneut den Kampf um die Herzen der Deutsch-Türken und Muslime aufnehmen. Für sie kämpfen, statt gegen sie zu kämpfen. Ihnen das Gefühl geben, dass wir sie bei und mit uns wollen. Das sie auch ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind. Wir müssen ihnen tatsächliche “humanistische” Werte vorleben, statt nur von der vorgeblichen Überlegenheit dieser zu erzählen. Wenn wir den Deutsch-Türken und Muslimen Freiheiten geben, Politik für sie machen und sie tatsächlich als uns zugehörig sehen, so handeln und sprechen, dann werden die Deutsch-Türken auch mehr Distanz zur Türkeipolitik und zu Erdogan einlegen. Dadurch werden sie sich politisch und emotional in Deutschland aufgehoben fühlen, es wäre für sie nicht mehr notwendig, sich zur fernen Alternative “Erdogan” hinzuwenden. Wenn sie sich hier bei und zu uns zugehörig fühlen, werden sie sich auch verstärkt für unser Land einsetzen. Aber solange wir nicht einmal diese liberalen Werte vorleben können und im wahrsten Sinne freiheitlich sind, sodass die Muslime und Deutsch-Türken in Deutschland auch frei ihren Glauben und ihre Kultur leben können (im Rahmen der Gesetze), können wir nicht erwarten, dass sie sich von dem raffinierten populistischen Präsidenten Erdogan distanzieren. Wir müssen dafür eben auch aushalten, dass eine Muslima mit Kopftuch Richterin oder Polizistin oder Lehrerin wird. Das ist das Normalste der Welt, wenn die Muslime und Deutsch-Türken tatsächlich zur Gesellschaft gehören. Keiner will mehr irgendwelche Ausreden hören, jetzt gilt: Mehr Freiheit und Akzeptanz.
Wir brauchen mehr Christian Wulffs in Deutschland.