Politik

Fridays for Future – Warum entstand die Protestbewegung plötzlich?

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eine eindeutige Antwort dazu. Auf der Sicherheitskonferenz in München sagte sie über die Schülerproteste:

„Diese hybride Kriegsführung im Internet ist sehr schwer zu erkennen, weil Sie plötzlich Bewegungen haben, bei denen Sie gedacht haben, dass die nie auftreten. […] In Deutschland protestieren jetzt die Kinder für Klimaschutz, das ist ein wirklich wichtiges Anliegen. Aber dass plötzlich alle deutschen Kinder nach Jahren ohne jeden äußeren Einfluss auf die Idee kommen, dass man diesen Prozess machen muss, das kann man sich auch nicht vorstellen. […]“

Heß, Amelie. 2019. „Merkel irritiert mit Aussage zur Klimabewegung „Fridays For Future“.“ Südwestrundfunk 3. 17.02.2019.

Die Behauptung der Kanzlerin stützt sich auf folgendes kleines Wörtchen – nämlich „plötzlich“. Die Unvorhersehbarkeit der Schülerproteste kann nur – so die Kanzlerin – ein Produkt ausländischen Einflusses sein.

Gerade die Unvorhersehrbarkeit eines Protestes, geschweige einer Revolution, ist ein Merkmal dieser politischen Partizipationen. Die Politikwissenschaft bietet hierfür eine interessante Analyse an, wie Revolutionen entstehen.

Man stelle sich vor, wie wohl die Bürger in der DDR auf die Frage geantwortet hätten, wie wahrscheinlich es wäre, dass die Mauer in einem Monat fiele. Die Antwort wäre eindeutig: Gar nicht. Oder man stelle sich vor, wie wahrscheinlich eine Revolution vor dem Beginn des arabischen Frühlings in den Augen der Bürger wäre. Die Antwort wieder: Gar nicht.

Das Kollektiv und das Trittbrettfahrerproblem

Jede Revolution – so auch die Protestbewegung „Fridays for Future“ – ist ein Kollektiv, welches nach einem öffentlichen Gut strebt. Im Falle der Schülerproteste handelt es sich beim öffentlichen Gut um den Umweltschutz. Ein öffentliches Gut zeichnet sich durch zwei Merkmale aus: Niemand kann vom Gut ausgeschlossen werden und es besteht keine Konkurrenz um das Gut. So profitiert selbst ein Klimasünder von guter Luft, wenn alle Mitmenschen darauf bedacht sind, wenig Emissionen auszustoßen. Jedes Kollektiv, das nach einem öffentlich Gut strebt, ist daher mit dem sogenannten Trittbrettfahrerproblem konfrontiert.

Tipping Modell

An diesem Punkt setzt das sogenannte „Tipping Modell“ an. Jedes Kollektiv zeichnet sich durch drei Merkmale aus:

  • Preference falsification (Verzerrung der politischen Einstellung): Jede Person verzerrt seine wahren politischen Einstellungen in der Öffentlichkeit, weil sie bspw. der sozialen erwünschten Meinung entsprechen möchte oder im Falle einer rigorosen Diktatur Angst vor Sanktionen und Strafen hat.
  • Revolutionary threshold (Bereitschaft zur Revolution): Jede Person besitzt eine Hemmschwelle sich an einem Protest zu beteiligen. Je mehr Personen sich aber an einem Protest beteiligen, desto mehr sinkt die Hemmschwelle. Ab einer bestimmten Personenmenge ist man bereit sich am Protest zu beteiligen.
  • Revolutionary cascade (Revolutionäre Kettenreaktion): Die Unvorhersehbarkeit einer Revolution liegt an der sogenannten ‚kritischen Grenze‘, d.h. die Protestbeteiligung einer Person führt zu einer Kettenreaktion und der Beteiligung vieler weiterer Personen am Protest.

Tipping-Modell und Fridays for Future

Was bedeutet das nun konkret für „Fridays for Future?“ Man stelle sich folgendes Beispiel vor:

Die Ikone der Schülerproteste ist die schwedische Schülerin Greta Thunberg. Sie protestierte zunächst allein vor dem schwedischen Parlament.

Die Bereitschaft sich an einem Protest zu beteiligen, beträgt für Greta Thunberg gleich Null. Das heißt, dass es für sie keine Rolle spielt, ob jemand sich bereits am Umweltschutzprotest beteiligt. Betrachtet man das obige Schaubild, hätte das Engagement von Greta Thunberg ein nicht weiter zu beachtendes lokales Ereignis bleiben können, in der sie vielleicht bis heute weiterhin allein vor dem Parlament protestiert hätte oder vor lauter Hoffnungslosigkeit und Zweifel aufgegeben hätte. Denn die Person nach Greta Thunberg ist erst bereit mitzuprotestieren, wenn Greta Thunberg und eine weitere Person bereits protestieren. So auch die dritte Person im Schaubild.

Die ‚kritische Grenze‘

Ändert man nun die Hemmschwelle der zweiten Person, tritt die ‚kritische Grenze‘ auf, die zu einer Kettenreaktion führt:

Erneut protestiert Greta Thunberg zunächst allein. Der zweite Schüler schließt sich dem Protest an, weil seine Hemmschwelle mitzuprotestieren eins beträgt. Der dritte Schüler protestiert auch mit, weil bereits zwei Schüler protestieren. Der vierte Schüler auch und so weiter. Lediglich der 10. Schüler protestiert nicht mit, da seine Hemmschwelle zehn beträgt, aber neun Personen protestieren.

Betrachtet man das erste und das zweite Schaubild, so ist festzustellen, dass alle Werte exakt gleich sind, bis auf die der zweiten Person. Im ersten Beispiel betrug die Hemmschwelle zwei und im zweiten Beispiel betrug die Hemmschwelle eins. Diese kleine, aber wichtige Änderung führt dazu, dass statt einer Person, plötzlich neun Personen protestieren. Dies ist zugleich auch der Grund, warum Massenproteste plötzlich auftreten.

Bereitschaft zur Revolution ist variabel

Die Hemmschwelle einer jeden Person ist aber nichts statisches. Durch strukturelle Veränderungen können die Hemmschwellen verändert werden. Bspsw. führt eine gravierende wirtschaftliche Rezession in einer Diktatur zu einer erhöhten Bereitschaft, seine Frustration und Unzufriedenheit in eine Revolution auszudrücken. Im Falle von „Fridays for Future“ sind mehrere Punkte anzuführen:

  • die starke mediale Präsenz des Themas Umweltschutz, allen voran durch die Pariser Klimakonferenz
  • die große Trockenheit in ganz Europa im Jahr 2018
  • das verstärkte ökologische Bewusstsein, nachhaltig zu handeln
  • die Dringlichkeit politisch zu handeln, bevor es zu spät ist

Die revolutionary cascade, also die Kettenreaktion, ist dann am wahrscheinlichsten, wenn die einzelnen Hemmschwellen möglichst gleichmäßig verteilt sind. Das folgende Beispiel zeigt, was passieren würde, wenn die Hemmschwellen NICHT gleichmäßig verteilt wären:

Greta Thunberg, die zweite und dritte Person protestieren. Der Rest jedoch würde nicht protestieren, weil ab der vierten Person eine Anzahl von acht Leuten notwendig wäre, damit alle sich am Protest beteiligen würden.

Das interessante am Tipping Modell ist nun, dass aufgrund der preference falsification (Verzerrung der politischen Einstellung) keine Person weiß, ab welcher Personenmenge eine Kettenreaktion aufträte. Daher ist die Beteiligung am Protest für den Einzelnen mit hohen Kosten verbunden, weil er sich nie sicher sein könnte, ob seine Beteiligung dazu führen würde, dass eine Kettenreaktion in Gang gesetzt werden würde. Und dies ist zugleich auch der Grund, warum selbst für die Protestierenden ein Massenprotest plötzlich vorkommt.

Quellen:

 Heß, Amelie. 2019. "Merkel irritiert mit Aussage zur Klimabewegung "Fridays For Future"." Südwestrundfunk 3. 17.02.2019. https://www.swr3.de/aktuell/nachrichten/Merkel-irritiert-mit-Aussage-zur-Klimabewegung-Fridays-For-Future/-/id=47428/did=5007946/6oa4c4/index.html, Zugriff am 31.05.2019.

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