Frei,  Religion

Der sicherste Halt, der niemals zerreißt

  • Der Islam muss sich verändern.
  • Die Muslime müssen sich anpassen.
  • Es ist das 21. Jahrhundert, und heute ist es nun mal normal, dass….
  • Die Regeln des Islam sind altmodisch und passen nicht in unsere Zeit.
  • Fünf mal am Tag beten? Wer hat denn dafür Zeit heutzutage?

Viele Muslime haben diese oder ähnliche Fragen schon mehrmals in ihrem Leben gehört. Heute möchte ich diese Diskussion mit einem kurzen Stück aus muslimischer Sicht beantworten.

Liebe Freunde, es ist gerade die einzigartige Stärke des Islams, dass er sich nicht dem Zeitgeist und dessen Ideologien unterwirft, sondern die Urlehre konstant bewahrt. Eine Konstante, die ewig währt und für jede Gesellschaft, gleich welcher Zeit und welches Orts, die gleichen Grundprinzipien vorgibt: Der Glaube an den einen Gott, die Vergänglichkeit des Lebens und damit zusammenhängend der Ruf nach Sinnhaftigkeit abseits von kurzsichtigem Egozentrismus rund um Kohle, Karriere und Konsum, dh. der Zufriedenstellung des eigenen Egos als Selbstzweck der Existenz.

Die Prämisse ist die Auflösung des Egos

So sagt der islamische Gelehrte Dschalaladdin Rumi in seinem Mathnawi:

O Reisender auf dem Weg der Wahrheit! Erst wenn du deine äußere Gestalt, die Einflüsterungen, die dich beherrschen, und dein von Stolz erfülltes Selbst verbrennst, wenn du dich von der Anbetung deines eigenen Egos, der Mutter aller Götzen, befreist, hast du gelernt, alle inneren Götzen zu zerschlagen.

In einer Zeit, in der die Befriedigung des Egos das oberste Ziel des menschlichen Wirkens geworden ist, fordert der Islam mit seiner urewigen Wahrheit die Auflösung des Egos, des Ichs, des Wollens und des Habens, um Platz zu schaffen für denjenigen, der unabhängig von Zeit und Raum existiert: Allah. Er ist es, der uns geschaffen hat und einen jeden von uns mit einem Ziel ausgestattet auf die Erde sandte.

Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen:

Bei der Zeit. Der Mensch ist wahrlich im Verlust. Außer denen, die glauben und Gutes verrichten und sich gegenseitig zum Rechten (Wahrheit, Aufrichtigkeit) anhalten und zur Geduld.

[Sure Asr, Verse 1-3]

Der Gelehrte Rumi schreibt im Mathnawi:

Welch gewaltiges Glück ist jenen beschieden, die sich von ihrem vergänglichen Wesen entfernen und frei von der Selbstsucht des Egos werden, so dass sie mit den Unsterblichen vertraut und verbunden sind. Wie schade ist es hingegen um jene, die, obwohl sie leben, mit den Toten zusammensitzen und selbst innerlich gestorben sind.

Wenn das eigene Ego zurückgenommen wird, dann entsteht Platz für Allah. Und wenn du allein Gottes Gunst begehrst, dann verrichtest du Gutes nicht etwa um vor anderen besser dazustehen oder deine Steuererklärung zu verbessern, sondern um Allah zu gefallen. Allahs Gesandter hat gesagt:

(Allah) der Barmherzige erweist dem Barmherzigkeit, der (seinerseits anderen) barmherzig ist. Seid (darum) allen auf Erden barmherzig, dann ist euch barmherzig, Der im Himmel ist.

(Abdullah Ibn Amr; Abu Dawud, Tirmidhi)

Säkularisierung des Islam?

Die Auflösung des Egos ist Grundlage zur Erlangung der Glückseligkeit. Nur wer an mehr denkt, als an sich selbst, kann der Verantwortung gegenüber Gott gerecht werden. Die Säkularisierung führt unweigerlich zum Materialismus, dem wiederum ein Egozentrismus zugrundeliegt, egal ob individuell oder staatlich („America first“).

Säkularisierung bedeutet die Trennung von Realität und Moral, dh. Begriffe und Konzepte werden ihrer spirituellen Bedeutungen beraubt. In den Worten des Philosophen Seyyed Hossein Nasr (The Heart of Islam: Enduring Values for Humanity):

Modernism does not mean simply change and newness; it is a particular way of looking at the world, a particular philosophy based on the rejection of the theocentric view of reality—that is, removing God from the center of reality and putting man in His place. In a sense, it is a substitution of the kingdom of man for the Kingdom of God, therefore paying special attention to the individual and individualism and to the different powers of the individual human being such as reason and the senses. Therefore, its method of cognition, its epistemology, is based essentially upon either rationalism or empiricism, and it makes human values, the values of terrestrial man, the supreme set of values and the criteria for all things.

The traditional Islamic worldview is totally opposed to the prevalent modern paradigm of the relation between human beings and nature, which has caused unprecedented harm to the natural environment, has led to the loss of many species, and now threatens the very future of human life on earth. Islam sees men and women as God’s vicegerents on earth. Therefore, in the same way that God has power over His creation but is also its sustainer and protector, human beings must also combine power over nature with responsibility for its protection and sustenance. The Quran is replete with references to nature, and the phenomena of nature are referred to as God’s signs and are therefore sacred. In traditional Islamic society human beings lived in remarkable harmony with their natural environment, as can be seen in the urban design of traditional Islamic cities and also in the life in the villages, which, as in other premodern parts of the world, is still based on remarkable harmony with the rhythms of nature and makes full use of what is now called recycling.

Alle Forderungen einer europäisch erfahrenen und geformten Säkularisierung an den Islam sind daher nichtig, unter anderem weil der Islam keine Kirche hat, keine Union von Staat und Religion kennt, wie sie im Christentum gängige Praxis war, aber auch weil zeitlose Werte wie Gerechtigkeit, Sicherheit und Barmherzigkeit die Fundamente des Lebens eines jeden Muslims bilden sollen, sei es privat oder öffentlich.

In diesem Zusammenhang ist die Bewahrung einer unveränderlichen theologischen und spirituellen Wahrheit entscheidend, da sie gewährleistet, dass das, was gestern Recht war, heute nicht Unrecht, und was gestern Unrecht war, heute nicht Recht werden kann. Dieser dem Islam innewohnende Stabilitätsanker ermöglicht es zwar nicht, dass der Muslim vor herausfordernden Stürmen auf der hohen See des Lebens bewahrt bleibt — denn auch oder insbesondere der Muslim wird mit dieser Verantwortung für sich und die Schöpfung Prüfungen unterzogen. Der Stabilitätsanker des Islams bedeutet vielmehr, dass der Muslim zwar durchaus Stürmen auf hoher See begegnet, aber sich immerzu bewusst ist, dass sein Schiff des Islams unzerstörbar ist und ihn sicher durch die ideologischen und materiellen Turbulenzen jeder Zeit bringen wird.

Es gibt keinen Zwang im Glauben. Der richtige Weg ist nun klar erkennbar geworden gegenüber dem unrichtigen. Wer nun an die Götzen nicht glaubt, an Allah aber glaubt, der hat gewiß den sichersten Halt ergriffen, bei dem es kein Zerreißen gibt. Und Allah ist Allhörend, Allwissend.

(Der edle Koran, Surah al-Bakarah 2, Vers 256)

Dieser sicherste Halt, dieses unzerstörbare, unzerreißbare Band ist jenes, das dem Leben eines jeden Muslims Halt gibt, obgleich er durch schwierige Zeiten geht und mit schwierigen Herausforderungen geprüft wird.

Denn der Muslim ist sich hoffnungsvoll und mit unumstößlicher Gewissheit bewusst, dass jedem Sonnenuntergang ein Sonnenaufgang folgt, aber auch demütig kundig, dass auch der schönste irdische Moment oder Zustand endlich ist und der ihr gewiss folgenden Nacht weicht.

Der Tag- und Nacht-Wechsel ist eine Metapher für die verschiedenen Zustände unseres Ichs, die abwechselnd aufeinander folgen. Dementsprechend ist es erforderlich, dass der Muslim niemals die Hoffnung verliert und sich intellektuell, spirituell und praktisch bemüht, die Gnade Gottes auf Erden zu erlangen, um im Jenseits umfassende Vergebung zu erfahren.

(Allah ist es,) Der den Tod und das Leben erschaffen hat, damit Er euch prüfe, wer von euch die besten Taten begeht. Und Er ist der Allmächtige und Allvergebende.

(Der edle Koran, Surah al-Mulk 67, Vers 2)

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